Der Franziskus-Effekt
Große Themen werden manchmal von kleinen Problemen überholt. Zu diesen kleinen, aber höchst aktuellen Themen zählt heute die Frage: Wie um alles in der Welt wird das Wetter? Genauer gesagt: Wie wird das Wetter in Regensburg? Danach nämlich muss entschieden werden, welche Kleidung in den Koffer wandert und welche draußen bleibt.
Noch gibt es eine schwache Hoffnung, dass der Name der Stadt, in der der 99. Deutsche Katholikentag stattfindet, kein schlechtes Omen ist. Regensburg! Da steckt leider das Wort »Regen« drin. Und die offizielle Wettervorhersage ist ungünstig; lediglich am Freitag wird mit längeren sonnigen Phasen gerechnet.
Wetterfragen können die Stimmung auf solchen Groß-Events maßgeblich beeinflussen. Man nimmt alles leichter, wenn die Sonne scheint. Selbst Großkonflikte können da auf wundersame Weise zu kleinen Krisen schrumpfen.
Wenn es regnet, denkt es sich allerdings leichter, als wenn man bei 30 Grad im Schatten vor sich hin schwitzt. So gesehen sind Journalisten erstmal mit allem zufrieden. Und natürlich haben sie sich im Dienste ihrer Leserinnen und Leser sowieso vor allem in Innenräumen aufzuhalten: in Universitäts-Hörsälen, Hallen und Kirchen. Denn sie müssen ja berichten, was so passiert.
»Wir« sind nicht mehr Papst. Aber das hat seine Vorteile
Der Katholikentag in Regensburg ist der erste seit dem Papstwechsel in Rom. »Wir« sind nicht mehr Papst, bestenfalls »Altpapst«, denn Benedikt, unser Mann aus Bayern, hat den Hirtenstab an Franziskus weitergegeben.
Dieser Wechsel im Frühjahr 2013 hat unterdessen enorme Veränderungen mit sich gebracht: Der neue Mann auf dem Stuhl Petri hat nicht nur einen ganz anderen Stil, sondern offenbar auch den festen Willen, aus der römisch-katholischen Kirche eine glaubwürdige Institution zu machen. Er predigt – und lebt (!) – Armut als Ideal, räumt mit korrupten Vatikanbankern auf, setzt sich für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik in Europa ein und findet insgesamt das Leben wichtiger als alle Papiere, die in den Tiefen der vatikanischen Archive schlummern.
Manche sind darüber nicht glücklich. Dazu zählen auch jene, die sich von Franziskus richtungsweisende, in die Moderne zielende Änderungen im Kirchenrecht und in der Dogmatik versprochen haben. Die hofften, er würde die Kirche mit europäischer Genauigkeit in eine neue Struktur überführen, die Hierarchie und Demokratie in ein Gleichgewicht brächte, das die römische Kirche bislang nicht hat. Doch andere sind mit dem neuen Papst hoch zufrieden: Sein Stil und seine Präsenz in der Weltpolitik – gerade machte er »bella figura« in Nahost – beeindrucken sie. Vor allem aber bemerkt diese Fraktion, dass dieser Papst mit seinen Themenschwerpunkten in der Lage ist, die katholischen Bischöfe Deutschlands einigermaßen aus der Fassung zu bringen. Der Franziskus-Effekt ist nicht zu unterschätzen.
Das Podium »Arme Kirche – glaubwürdige Kirche? Ein Papst provoziert« am Donnerstagnachmittag im Kolpinghaus gibt ein Bild davon. Kardinal Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz höchstselbst, muss sich der Provokation des Franziskus stellen. Andere Kirchenmänner, die noch neulich von Elitebildung und Wirtschaftswachstum schwärmten, sehen sich seit dem Papstwechsel in Rom gezwungen, auf eine neue Linie umzuschwenken. »Man« ist jetzt besser bescheiden als bekehrt, besser ehrlich als elitär, besser menschlich als marktradikal. Was das wohl für die Stimmung auf dem Katholikentag bedeuten mag?
Die Postmoderne ist mitten unter Deutschlands Katholiken angekommen
Besucher aus Berlin haben sich auch angesagt. Selbstverständlich kommt die Bundeskanzlerin nach Regensburg, ebenso der Bundespräsident. Beide sind evangelisch, und beide führen eine ganze Riege von Politikerinnen und Politikern an, die es sich nicht nehmen lassen wollen, einmal 60.000 Katholiken en bloc vor sich zu haben. Vermutlich auch einige Tausend Protestanten, denn der Katholikentag ist offen und konfessionell nicht exklusiv.
Joachim Gauck debattiert – etwa zu selben Zeit wie Marx im Kolpinghaus über Armut – im Audimax der Universität über Religion in der säkularen Gesellschaft. Er trifft auf einen Religionssoziologen und einen Integrationsforscher, auf eine Kulturbeauftragte und eine Rabbinerin. Allesamt keine Katholiken! Haben die zum Thema »Religion in der säkularen Gesellschaft« nichts zu sagen? Ganz versteckt in der Reihe der Diskutanten finde ich auf den zweiten Blick Alois Glück, den Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Ein Mann mit Herz, aber wenig säkularem Hintergrund. Immerhin: Das ZdK schickt seinen ersten Mann in die Debatte um eines der wichtigsten Themen der Gegenwart. Mal sehen, was er zu sagen hat.
Beim Kofferpacken denke ich darüber nach, dass es dem Katholizismus in Deutschland nicht an – manchmal unliebsamen, manchmal schockierenden, manchmal erfrischenden – Begegnungen mit dem Säkularismus fehlt. Die Postmoderne ist in vielen Schattierungen eben auch im Katholizismus angekommen, nicht zuletzt in ihrer radikal gott-fernen Variante. Ein Wunder eigentlich, dass Katholikentage trotzdem noch gehen!
Oder: Vielleicht auch kein Wunder? Wo sollen sich denn sonst jene Katholiken treffen, die über den Tellerrand ihrer Gemeinden hinausschauen wollen? Die mit Religion im Gepäck die Welt bewegen möchten? Und die neue Anregungen suchen? Es ist eigentlich sehr gut, dass es in Deutschland Kirchen- und Katholikentage gibt!
Optimistisch packe ich meine leichte grüne Sommerjacke ein. Und zur Sicherheit einen Knirps-Schirm dazu. Ich bin jetzt für alle Eventualitäten gerüstet. Zumindest, was das Wetter betrifft. Ansonsten hoffe ich auf Überraschungen und will mich vor nichts »abschirmen«.
Aus Regensburg werden Sie wieder von mir hören. Und natürlich auch von meinen Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion, die schon losgefahren sind. Wir schreiben für Sie ein Tagebuch voller Ereignisse und Eindrücke. Schauen Sie einfach täglich hinein!
