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Sarrazins Fata Morgana

Thilo Sarrazins neues Buch über den Islam steht ganz oben auf den Bestsellerlisten. Aber wie viel weiß er über diese Religion? Ein Faktencheck von Theologen
vom 30.09.2018
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Feindliche Übernahme« heißt das neue Buch von Thilo Sarrazin. Der ansonsten religiös desinteressierte Autor, der sich schon vor acht Jahren mit der schrillen These »Deutschland schafft sich ab« auf die Bestsellerlisten katapultiert hat, macht sich darin auf die Suche nach dem »Wesen des Islam« und kommt zu dem Schluss, dass der Islam »den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht«. Das Buch steht derzeit ganz oben auf den Bestsellerlisten, enthält aber viele sachliche Fehler und Widersprüche. Ein Netzwerk von Wissenschaftlern hat Sarrazins neues Buch deshalb einem »Faktencheck« unterzogen. Auf Initiative der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) an der Goethe-Universität Frankfurt untersuchten Experten aus verschiedenen Fachgebieten Sarrazins Aussagen zu unterschiedlichen Themenbereichen. Wir veröffentlichen im Folgenden einige kurze Auszüge aus dem umfassenden Faktencheck:

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Europa

Thilo Sarrazin: »In Europa gab es bis vor wenigen Jahrzehnten kaum nennenswerte Gruppen nichteuropäischen Ursprungs. Hier lebten europäische Weiße, und soweit sie eine Religion hatten, war diese christlich.« (»Feindliche Übernahme«, Seite 14)

Michael Daxner:»Die Bevölkerung des heutigen Europa konstituiert sich durch lang andauernde und umfangreiche Immigration von nicht-›europäischen‹ Ethnien. Allein die Einwanderung auf die britischen Inseln, die slawische Besiedlung oder der Ethnomix auf dem Balkan sind Belege für eine frühe Durchmischung, die nicht-›europäischer‹ Ursprünge sind. Der Name Sarrazin weist im Übrigen darauf hin, dass er selbst arabische Wurzeln hat. In dieser Aussage fehlen zudem die bis 1945 Millionen jüdischer Personen, die den Kontinent mitprägten.«

Michael Daxner ist emeritierter Professor für Soziologie und jüdische Studien an der Universität Oldenburg.

Sexualität

Sarrazin: »Die Religion des Islam beruht auf dem Bild eines sexuell zutiefst unsicheren Mannes, der sich nur durch Herrschaft und Kontrolle der sexuellen Treue der Frau versichern kann.« (Seite 177)

Ali Ghandour: »Bis zum 19. Jahrhundert existierte in der muslimischen Welt eine lebendige erotische Kultur, die sich in der Dichtung, in Geschichten oder Ratgebern niederschlug. Im Koran wird offen über Sex gesprochen. Erotik und sexuelles Genießen werden hier als etwas Positives dargestellt – und zwar bei beiden Geschlechtern. Vom Propheten Muhammad gibt es zahlreiche Überlieferungen, denen zufolge er seinen Anhängern Ratschläge gab, wie sie selbst und ihre Frauen die sexuelle Beziehung genießen können. Man kann sich allerdings kaum vorstellen, so etwas von heutigen Gelehrten zu hören. Viele Muslime haben sich von einer offenen Sexualität und auch Homoerotik entfernt – dies hat allerdings andere Gründe als den Koran.«

Ali Ghandour ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster.

Kirche und Staat

Sarrazin: »Dagegen wurde im christlichen Abendland die Emanzipation der Kultur von der Religion durch die im Christentum angelegte Trennung von Staat und Kirche ermöglicht. « (Seite 133)

Klaus von Stosch: »Auch das Christentum war und ist in einigen Ländern Staatsreligion. Und in vielen anderen Ländern sind die Kirchen eng mit dem Staat verflochten – man denke nur an die nationalstaatlichen orthodoxen Kirchen im Osten Europas, aber auch an die protestantische Tradition der Staatskirchen im Norden Europas. Selbst in Deutschland haben wir ja bis heute eine Kooperation von Staat und Kirchen und nicht etwa die von Sarrazin behauptete Trennung. Schon zu Luthers Lebzeiten war es nur die Protektion von Fürsten, die die Verbreitung des Protestantismus ermöglichte. «

Klaus von Stosch ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Paderborn.

Koranverständnis

Sarrazin: »Meine Antwort suche ich im Text des Korans, so wie ich ihn als verständiger Laie ohne Kenntnisse des Arabischen in deutscher Sprache verstehe.« (Seite 21)

Bekim Agai: Der Koran wurde in einem Zeitraum von über zwanzig Jahren einer arabischsprachigen, spätantiken Hörerschaft offenbart. Dass man sich dem Koran ohne Berücksichtigung von Erläuterungen und Kommentaren, ohne Wissen über seinen Offenbarungskontext, nicht nähern kann, lernen unsere Studierenden der islamischen Theologie in Deutschland bereits im ersten Semester. Das ist auch Grundkonsens islamischer Gelehrsamkeit. So entblößt, seinem historischen und sozialen Kontext, seiner 1400-jährigen Interpretationsgeschichte, seiner vielen inneren Spannungen und Mehrdeutigkeiten entrissen, wird der Text zu wenig mehr als dem Spiegel seines Interpreten.

Bekim Agai ist Professor für Kultur und Gesellschaft des Islam in Geschichte und Gegenwart an der Goethe-Universität Frankfurt.

Kunst im Islam

Sarrazin: »Kunstfeindlichkeit und Bilderstürmerei zählen in gewissem Sinne zum islamischen Glaubenskern.« (Seite 140)

Stefan Weber: »Kunstfreudigkeit ist ein Kennzeichen islamisch geprägter Kulturen. Monumentale bis ins Detail exquisit gestaltete Grabbauten wie der Taj Mahal, lebensfrohe und prächtige Palastanlagen wie die Alhambra, Kuppelbauten wie der Felsendom oder die fast schwebenden Kuppeln in Istanbul, unfassbar kleingliedrige Miniaturmalereien, feinste Glas- und Keramikproduktion bestimmen einen der größten und prächtigsten Kunsträume auf unserer globalen Landkarte. Bilderstürmer gab es immer wieder, aber das kennen wir mit dem reformatorischen Bildersturm im 16. Jahrhundert auch aus der europäischen Geschichte.

Stefan Weber ist Direktor des Museums für islamische Kunst in Berlin.

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Schlagwörter: Europa Islam Sexualität
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