Nix da mit »Geduld, meine Damen!«
Publik-Forum.de: Frau Florin, mehrere 10.000 Katholikinnen sind in Deutschland eine Woche lang für ihre Rechte und für ein Ende des Machtmissbrauchs in der Kirche auf die Straße gegangen. In Ihrem Buch »Der Weiberaufstand« fordern Sie das. Führt ein direkter Weg von Ihnen zur Aktion »Maria 2.0«?
Christiane Florin: Die Frauen aus der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster, die für die Aktion »Maria 2.0« stehen, haben mein Buch »Weiberaufstand« gelesen. Das weiß ich, denn sie haben mich vor drei Wochen zu einer Debatte darüber eingeladen. Es ist richtig: Von der Streikidee ist bereits im »Weiberaufstand« die Rede. Mehr beteiligt bin ich daran jedoch nicht. Aufstands-Beratung haben die Marias auch gar nicht nötig.
Die Aktion ging von Münster aus, wurde aber zu einer bundesweiten Sache....
Florin: Ja, Münster, Köln, Freiburg: Das waren offenbar Zentren der Aktion. Aber auch in vielen kleineren Orten lief etwas. Die Bewegung hat ganz Deutschland erreicht. Berichtet wurde in überregionalen Medien, sogar in den Hauptnachrichten der großen Fernsehsender.
Sie betrachten den Frauenstreik als Erfolg. Was genau war erfolgreich daran?
Florin: Ich halte es für einen Erfolg, dass so vielen Frauen jetzt klar ist: Sie werden diskriminiert, es ist Unrecht, das ihnen widerfährt. Und die Bischöfe haben ihnen auch nach einer Wochen Frauenstreik nichts anzubieten. Das ist ein Skandal. Sie winden und wenden sich und jeder sieht, dass es eben doch um Macht geht.
Die Aktion kanalisierte lang angestaute Wut?
Florin: Ja. Das ist das eine. Man sieht: Mit dem demütigen Bitten ist es jetzt vorbei. Jetzt steht die Forderung nach vollen Rechten für Frauen im Raum. Aber viel wichtiger ist, dass ein Perspektivwechsel zum Ausdruck kommt. Dass viele erkennen: Es gibt Rechte, die uns Frauen vorenthalten werden. Ich bin seit zwei Jahren auf Tour mit dem »Weiberaufstand« und anfangs waren noch viele Frauen im Publikum, die sagten: »Ich fühle mich gar nicht diskriminiert, wir Katholikinnen haben unsere Nische, die Weihe brauche ich nicht.« Es hat viel Kraft gebraucht, um dem Kernmilieu der Engagierten klarzumachen, dass Mädchen und Frauen nicht dafür dankbar sein müssen, dass sie Messdienerin und Pastoralreferentin werden dürfen.
Ohne Weihe geht es also Ihrer Meinung nach nicht weiter?
Florin: Nein, ohne Weihe geht es nicht. Oder ohne Abschaffung des Klerus. Diese Möglichkeit gäbe es natürlich auch. Das ist die Alternative.
Die Kirche bietet den Frauen nun aber gar nichts an. Aus Rom kam dieser Tage zum xten Mal die Bestätigung, dass man nicht einmal Diakoninnen zu weihen gedenke. Und im deutschen Klerus herrscht dröhnende Stille...
Florin: Die Bischöfe fahren ihre alte Taktik weiter. Die meisten versuchen, den Frauenstreik krampfhaft zu ignorieren. Ein paar sagen: »Wir müssen über den Zugang von Frauen zu den Weiheämtern weiter nachdenken.« Ja, wie lange noch? Bis zum St. Nimmerleinstag? Dass dies durch den Streik noch mal offengelegt wurde, ist auch ein Erfolg der Aktion. Es ist deutlich geworden, wie frauenfeindlich der Episkopat ist, wenn er vermittelt: Es ist uns eigentlich egal, was ihr fordert. Wir halten Frauen für mindere Wesen, denen man herablassende Antworten geben kann.
Die Bischofskonferenz interessiert sich nicht für die Anliegen von Frauen und für deren Gleichberechtigung?
Florin: Nicht ein einziger der deutschen Bischöfe sagt: Die Forderung der Frauen mache ich mir zu eigen. Für dieses Anliegen kämpfe ich.
Manche meinen ja, man hätte alles auf andere Weise vorbringen sollen. Nicht durch ein Mittel des Arbeitskampfes, das da heißt: Streik.
Florin: Man hat schon lange keine protestierenden Katholikinnen und Katholiken mehr gesehen. Jetzt gibt es sie wieder. Wie erbärmlich, wenn da jetzt von Kritikern gesagt wird: Der Streik ist nicht das richtige Mittel, um auf mangelnde Rechte in der Kirche aufmerksam zu machen.
Ist es nicht ein wenig seltsam, dass die »Streikleitung« gleich zu Streikbeginn das Ende definiert hat? In der restlichen Arbeitswelt hört man auf zu streiken, wenn man ein Ziel erreicht ...
Florin: Ja, das stimmt. Katholikinnen gehen offenbar nicht so weit wie die Lokführergewerkschaft.
Wie geht es jetzt weiter?
Florin: In den sozialen Netzwerken sehe ich einzelne Gruppen, die sagen: Wir fangen jetzt erst richtig an! Ich bin mir nicht sicher, ob das Datum 18. Mai wirklich schon das überall gesetzte Ende des Streikes ist.
Was ist denkbar?
Florin: Es wird immer mehr Gruppen – Frauen wie Männer – geben, die Gottesdienste ohne Kleriker feiern. Viele Frauen werden sich auf jeden Fall weiter informieren, welche Ursachen und Auswirkungen ihre Geringschätzung in der Kirche hat. Ein großer Teil aber wird auch austreten. Wenn dieses »Bitte Geduld, meine Damen!« die herrschende Doktrin bleibt, dann sind wir weg.
Wir? Sie also auch?
Florin: Ich weiß, dass Austreten bedeutet: Am Ende bleibt ein »heiliger Rest« der Erzkonservativen. Ich will die Kirche nicht den Autoritären überlassen, die ich an allen Stellen schon sehe. Wenn sie die Oberhand gewinnen, wird die Kirche eine Sekte. Das will ich nicht. Aber als Katholikin bin ich da gespalten: Wie lange ich noch Kirchensteuer und Engagement investieren will, weiß ich nicht. Als Journalistin bleibe ich auf jeden Fall dran. Es ist eine journalistische Aufgabe zu zeigen, wie weit ein Teil des Klerus seinen Machtmissbrauch treibt.
