Kirche, Sex, Gewalt: Wie viele Täter noch?
Es ist wie immer: Die meisten schweigen. In den katholischen Kirchengemeinden Deutschlands wird kaum noch hörbar auf die neuerlichen Veröffentlichungen von Gräueltaten katholischer Priester und Ordensleute reagiert. Achselzucken. Wegdrehen. Weggehen. So läuft es, auch in diesem Fall.
Jährlich verliert die katholischen Kirche in Deutschland rund 150.000 Mitglieder. Immer wieder, jedes Jahr. Man kann ausrechnen, wann sich die Kirche in diesem Land auf knapp über dem Nullpunkt heruntergeschrumpft haben wird. Es ist eine einfache Mathematikaufgabe. Sie könnte nur dadurch irritiert werden, dass sich der Laden prinzipiell neu aufstellt, sich Herausforderungen stellt, die bislang tunlichst weggedacht werden. Die Frage ist: Hat er die Kraft dazu? Und den Willen?
In der aktuell veröffentlichten Studie wird auch für Deutschland klar, was andernorts sowieso schon Schockwellen ausgelöst hat: in Argentinien, in Australien, in den USA. Die römisch-katholische Kirche hat ein Riesenproblem mit ihrem hauptamtlichen Weihe-Personal. Nicht wenige Priester und Ordensleute machen sich sexueller Übergriffe auf Kinder und Jugendliche schuldig. Seit Jahrzehnten. Die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie erforscht den Zeitraum zwischen 1946 und 2014. Da mag mancher sagen: »Was? Nur 1670 Täter, in all den Jahren? Das ist für eine Großinstitution doch kein Ausnahmefall!«
Und das stimmt sogar. Wer sich in die unschöne Welt sexueller Gewalttaten gegen Minderjährige hineinrecherchiert, erkennt sehr schnell: Die Daten und Zahlen anderer Großinstitutionen sind ebenfalls alarmierend – ganz besonders dann, wenn sie mit Pädagogik oder Therapie zu tun haben. Dramatischer ist nur noch das Feld der ach so heiligen Familie: Dort wird am häufigsten – und oft über Jahre andauernd – missbraucht. Man merkt schon: Es ist günstig für sexuelle Gewalttäter, wenn ihnen Vertrauen entgegen gebracht wird. Und wenn sie mehr Macht haben als jene, die sie sich zu ihren Opfern wählen.
Ein Mistbeet für den Missbrauch
Macht das die sexuelle Gewalt hinter Kirchenmauern auch nur einen Deut besser? Nein. Der Blick auf andere Umfelder hilft aber, zu erkennen, warum die Institution Kirche ein Mistbeet für den Missbrauch darstellt. Warum es so erschreckend einfach ist, die furchtbare Pflanze der Gewalt zu züchten. Nämlich deshalb, weil in der Kirche mehrere Komponenten zusammenkommen, die andernorts vereinzelt auch die sexuelle Gewalt begünstigen.
Punkt 1: Die Kirche hat eine hierarchische Struktur, wie viele andere Unternehmen auch. Sie aber lebt aus dem hierarchischen Gefälle zwischen »Priestern« und »Laien«. Das Weiheamt gibt eine Macht, wie sie durch keine Leistung, keine besondere Qualifikation, keine persönliche Eignung hergestellt werden kann. Das heißt nicht, dass es nicht viele Priester gibt, die ihrem Amt gerecht werden und es qualifiziert ausfüllen. Es ist nur so: Die Weihe toppt kirchenrechtlich, dogmatisch und spirituell die – spätestens seit dem 20. Jahrhundert bekannten, dem Aufblühen der Psychologie und Psychoanalyse zu verdankenden – Kriterien, die für eine Führungsperson angelegt werden müssen. Dies gilt im 21. Jahrhundert leider mehr noch als im 20.: Denn die Zahl der Männer (und nur die dürfen ja laut Kirchenrecht überhaupt geweiht werden), die sich für den Beruf des Priesters interessieren, sinkt und sinkt. Ist es vorstellbar, dass die Kirche unter diesen Voraussetzungen noch genauer aussiebt, wer für das Amt geeignet ist, wer nicht? Der gegenteilige Eindruck drängt sich auf, wo auf die schrumpfende Zahl der Katholiken mit XXL-Gemeinden reagiert wird. Es gilt die Regel: Egal was passiert, Hauptsache, ein Priester steht der Gemeinde vor!
Punkt 2: Wo hierarchisches Gefälle ohne wirksame Bremse der Macht existiert, kann der Wunsch übermächtig werden, diese Macht auch ungebremst auszuüben. Kinder und Jugendliche für eigene sexuelle Begierden gefügig zu machen, gibt eine Gefühl der Überlegenheit. Es geht dabei weit mehr um das Ausleben der Macht denn um die Sexualität an sich. Wie also ist die Macht der Geweihten zu bremsen? Wo nicht geweihte Hauptamtliche, Ehrenamtler und Gremien letztlich vom Priester strukturell abhängig sind, lässt sich eine wirksame Kontrolle nicht ausüben.
Punkt 3: Wer heute (noch) zur Kirche geht, sich in ihr engagiert und spirituell beheimatet fühlt, hat zuvor etwas gegeben: Vertrauensvorschuss. So wie Eltern einer Schule vertrauen, auf die sie ihr Kind geben, Kranke einem Krankenhaus vertrauen, in dem sie sich operieren lassen, so kann der Christ nicht ohne Vorschuss-Vertrauen in seine Kirche leben. Wie aber kann er reagieren, wenn das Vertrauen enttäuscht wird? Es gibt keine wirksame Beschwerde-Instanz, oft keine transparente Aufarbeitung des Geschehenen, keine Strukturen, die auf Kontrolle derer setzen, denen ja zunächst einmal vertraut werden muss.
Punkt 4: Eine Institution, die – wie die katholische Kirche – Macht durch besondere Rollenzuordnungen schafft, die von Beginn an ein »Oben« und »Unten« konstruieren, muss bei der Auswahl jener, die vom Rollenmuster her »oben« stehen, also die Spitze der Ständekirche bilden, sehr genau aufpassen. Es gilt ja: Nicht etwa durch lange zu beobachtende Leistungen, soziale Kompetenz im Berufsalltag, sich langsam zeigende, besondere Führungsbegabung entsteht Führung, sondern durch Weihe. Diese steht am Anfang der Berufsbiografie. Führungspsychologisch ist das zu vergleichen mit dem Junior eines Unternehmers, der frisch von der Uni weg den Chefsessel des Vaters übernimmt. Führungskompetenz muss er sich dann erst aneignen und sie anderen sichtbar machen. »Kirchens« aber sind denkbar schlecht eingeübt in das frühzeitige Erkennen jener, die sich nicht eignen. Und noch schlechter in der konsequenten Absage: »Priester wirst du bei uns nicht.«
Punkt 5: Die Pflanze der Gewalt wächst besonders gut, wo regelmäßiges Gießen ein festes Ritual ist. Die Kirche ist Expertin für Rituale. Und so wissen die Ritualvorsteher auch besser als andere, wie man durch die Wiederholung des Heiligen und Besonderen Konditionierung erreicht. Von vielen Missbrauchstätern in der Kirche weiß man, so sie Wiederholungstäter sind, dass sie nach den immer gleichen Mustern vorgehen. Abhängige Kinder zu sich nach Hause einladen, eine Atmosphäre des Persönlichen und Vertrauten schaffen, dann zum festen Ritual des Missbrauchs übergehen. Aus den jüngst veröffentlichten US-Akten ist zu lesen, dass die Rituale bis ins Wahnwitzige hinein getrieben werden: Kindern wird ein goldenes Kreuz geschenkt, wenn sie »lieb und artig« stillgehalten haben. Kinder, die sich wehren, werden an ein eigens für sie bereit gestelltes Kreuz gebunden ... Kann man noch mehr zum Magier des Missbrauchs werden, als es diese Priester wurden?
Eine Kirche, der man vertrauen kann?
Nicht nur die katholische Kirche als Institution muss jetzt konsequent reagieren: Ihre Priesterauswahl genauer betreiben. Sich vom »Dogma« der ausschließlichen Gemeindeleitung durch Priester verabschieden. Das Berufsbild »Priester« radikal neu ausrichten. Innere und äußere Kontrolle im Dienst der Transparenz möglich machen. Sich der bitteren Wahrheit stellen: Der Beruf hat so, wie er jetzt »gebaut« ist, keine Zukunft.
Da gibt es noch viel zu tun. Es finge damit an, dass sich die Bischofskonferenz, die sich in wenigen Tagen in Fulda zusammenfindet, ernsthaft fragt, warum die Forscherinnen und Forscher, die für sie die Studie erstellten, oft nicht mal selbst an die Diözesanakten herankamen, sondern auf Erstauswertungen aus den Diözesenbüros angewiesen blieben. Ein Hammer. Und ein Indiz dafür, dass mit einer gewaltigen Dunkelziffer gerechnet werden muss.
Aber eben nicht nur von der Institution Kirche sind jetzt Konsequenzen zu erwarten. Sondern auch von jedem einzelnen Katholiken, jeder einzelnen Katholikin. Wie reagiere ich auf das, was ich weiß? Wovor ich nicht die Augen verschließen kann? Auszutreten – wie es, wie gesagt, jährlich Tausende tun – ist ein Weg. Er führt zu einem Schlussstrich, der befreien kann. Aber ziehen will ihn nicht jeder. Manchen ist dafür einfach zu viel an einer Kirche gelegen, der man – wieder – vertrauen kann.
