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Updates vom Katholikentag 2022
Kein Mut zur Kontroverse beim Thema Ukraine

vom 28.05.2022
Frieden, Gerechtigkeit, Krise der Kirchen – drei von vielen spannenden Themen, die beim Katholikentag vom 25. bis 29. Mai in Stuttgart diskutiert werden. Publik-Forum bringt mehrmals täglich aktuelle Berichte, Eindrücke und Bewertungen.
Teilnehmende des Katholikentags in Stuttgart halten Schals in den Nationalfarben der Ukraine in die Höhe (Foto: KNA/Harald Oppitz)
Teilnehmende des Katholikentags in Stuttgart halten Schals in den Nationalfarben der Ukraine in die Höhe (Foto: KNA/Harald Oppitz)

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Samstag, 28.05.2022, 17:00 Uhr

»Viele kennen mich als jemand, der bei Rüstungsexporten für eine sehr restriktive Haltung plädiert hat«, erklärte Agnieszka Brugger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, bei der zentralen Veranstaltung des Katholikentages zum Ukraine-Konflikt. Und wurde emotional: »Aber im Fall der Ukraine konnte ich diese Haltung nach dem 24. Februar nicht mehr mit meinem Gewissen als Christin vereinbaren.« Sie setze sich in ihrer Fraktion und in den Gesprächen mit der Bundesregierung dafür ein, möglichst zügig Waffen zu liefern.

Dass die Ukraine auch schwere Waffen brauche, da waren sich alle auf dem Podium einig, ohne freilich genau zu definieren, welche Waffensysteme das beinhalte. Iwanna Klympush-Zynzadse, Abgeordnete des ukrainischen Parlaments und ehemalige Vize-Ministerpräsidentin der Ukraine, plädierte erwartbar für Waffenlieferungen: Schwere Waffen eskalierten den Konflikt nicht, sondern führten im Gegenteil dazu, dass er sich nicht weiter nach Westen ausbreite. Und der Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr pflichtete ihr bei, dass bei Putin nur dann Verhandlungsbereitschaft zu erwarten sei, wenn er bei einem Fortsetzen des Krieges mehr zu verlieren hätte als vom Weiterkämpfen. Dafür brauche es schwere Waffen.

Mit Blick auf die vergangenen Jahre seit 2008 beklagte Klympush-Zynzadse, dass der Westen zu zögerlich gewesen sei, was Putin als Schwäche gedeutet und zu weiteren Kriegszügen ermutigt habe. Dass man zu wenig auf die osteuropäischen Länder mit ihrer kritischen Haltung gegenüber Russland gehört habe, bestätigten auch Brugger und der Vierte im Bunde, der Fraktionsvorsitzender der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europaparlament, Manfred Weber. Er forderte auch, der Ukraine schnell einen Kandidatenstatus als EU-Beitrittsland zu verleihen und zeigte seine Ungeduld mit der Uneinigkeit unter den EU-Ländern in dieser Frage: Es wäre gut, das Einstimmigkeitsprinzip in der EU abzuschaffen und nach Mehrheit zu entscheiden. »Ich bin es leid immer auf die Langsamsten zu warten.«

Eine Kontroverse traute sich der Katholikentag wohl nicht bei diesem Thema: Alle Diskutanten sahen die volle und alleinige Verantwortung bei Putin und dem russischen Volk. Man könne der Nato vieles vorwerfen, was sie falsch gemacht habe, so Masala, aber nicht das, was Russland ihr vorwerfe. Der sicherheitspolitische Aspekt dieses Krieges sei nur gering. Russland führe aus einem »identitätspolitischen« Interesse Krieg: Es spreche der Ukraine das Recht ab, als unabhängiger Staat zu existieren.

Es gelte, Russland so weit militärisch zu schwächen, dass es wohl noch sein Land verteidigen, aber nicht mehr militärisch expandieren könne, forderte Masala. Die Existenz von Atomwaffen wurde mit keinem Wort erwähnt. Das ist erstaunlich, da die Sorge vor und der Kampf gegen Atomwaffen einmal zum Kernanliegen des christlichen Friedensengagements gehört hat.

Samstag, 28.05.2022, 15:30 Uhr: Die einigende Liebe Christi und die russisch-orthodoxe Kirche

Am 31. August beginnt in Karlsruhe die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Das ist – vereinfacht ausgedrückt – ein globaler Weltkirchentag, der zum ersten Mal in Deutschland Station macht. Der ÖRK ist die größte ökumenische Organisation, ein Zusammenschluss von 352 Mitgliedskirchen, die 600 Millionen Christen repräsentieren. Die Verantwortlichen wollten den Katholikentag nutzen, um auch unter Katholiken das Bewusstsein und die Begeisterung für diese ökumenische Weltbewegung zu stärken.

»Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt« – so lautet das Motto für Karlsruhe: Doch was bedeutet die fromme Formel, wenn eine Mitgliedskirche mit theologischen Argumenten einen brutalen Angriffskrieg rechtfertigt? Die Ratlosigkeit war auf mehreren Podien mit Händen zu greifen. Keinesfalls möchte man die russisch-orthodoxe Kirche (ROK) ausschließen, beteuerten Marc Witzenbacher, Leiter des Koordinierungsbüros, und Agnes Aboum, Vorsitzende des Zentralausschusses, des höchsten Gremiums. Was aber dann? Vielleicht die 2019 gegründete und von Patriarch Bartolomaios anerkannte Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) in den ÖRK aufnehmen? So leicht gehe das nicht, sagte Witzenbacher. Ein Beitritt erfordere intensive und langwierige Vorbereitungsgespräche.

Und wie soll man mit der Ukrainisch-orthodoxen Kirche (OUK) umgehen, die sich nun von Moskau losgesagt hat? Auch sie will sich nicht mehr durch den Moskauer Patriarchen repräsentieren lassen, was zur Folge hat, dass Kirill mehr als ein Drittel seiner Gemeinden verliert. Allerdings sind die beiden ukrainischen Kirchen einander in tiefer gegenseitiger Abneigung verbunden. Während der ÖRK von dieser Dynamik völlig überfordert scheint, war zu hören, dass die russisch-orthodoxe Kirche ihre Delegation für Karlsruhe umbaue. Im Namen der ROK dürfen wohl nur solche Ukrainer sprechen, die die Position Moskaus verteidigen. Bevor die Liebe Christi die Welt versöhnen und einen kann, müsste sie wohl erst die Christen einen.

Podiumsdiskussion mit Ottmar Edenhofer, Luisa Neubauer und Kardinal Peter Turkson (Foto: Bauer).

Freitag, 27.05.2022, 17:45 Uhr: »Laudato si« alleine rettet das Klima nicht

Für die Protestantin Luisa Neubauer ist die Diskussionsrunde auf dem Katholikentag ein Heimspiel. Der Saal voll, das Publikum jung und auf ihrer Seite. Sie erntet Jubel, als sie ihrem ersten Diskussionsbeitrag ein Statement der Solidarität voranstellt: Menschen, die Veränderung einfordern, seien »das Hoffnungsvollste, was ich gerade in der katholischen Kirche sehe«. »Lasst euch nicht aufhalten«, sagt sie noch, bevor sie über Klimapolitik spricht, denn dafür ist sie eigentlich hier.

Mit ihr auf dem Podium sitzen Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Kardinal Peter Turkson, Kanzler der päpstlichen Wissenschaftsakademien. Er hatte in einer Ansprache zuvor die Bedeutung der Enzyklika »Laudato si« hervorgehoben, mit der Papst Franziskus 2015 Schwung in die Klimadebatte gebracht habe, der leider inzwischen verloren gegangen sei.

Edenhofer geht auf die Schrift des Papstes ein. Für revolutionär halte er den Satz, dass die Atmosphäre ein globales Gemeinschaftsgut der Menschheit sei. Nun lebe die Weltwirtschaft aber schon seit langer Zeit von der Substanz, kritisiert der Wissenschaftler. »Darf’s auch ein bisschen weniger sein«, ist der Titel der Veranstaltung, und Luisa Neubauer findet ihn fast zynisch, wenn er die Haltung reicher Industriestaaten gegenüber Ländern des globalen Südens wiedergebe.

In dem Satz steckt die Aufforderung »konsumiert einfach ein bisschen weniger« – das wiederum sieht Edenhofer kritisch. Die Klimakrise habe das Problem, »dass wir kooperieren müssen«, sie sei deshalb fundamental politisch. Hier hakt Kardinal Turkson ein: Für »Laudato si« sei Kooperation ein Grundprinzip, das mache die Enzyklika so hoffnungsvoll. Es gebe mit der »Laudato Si Action Platform« außerdem ein Format für konkrete Veränderung. Man solle nicht immer auf Politiker warten.

Für die Moderatorin Ursula Weidenfeld löst gerade die Action Platform keine Probleme, »weil immer nur geredet wird.« Konkretere Ideen kommen von Neubauer, die fordert, die Finanzierung von Mineralölunternehmen zu kippen, die keine Klimaziele einhalten wollen. Edenhofer fordert einen Kohleausstieg, zu beschließen von der Weltklimakonferenz.

Der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Frans Timmermanns, hatte es nicht wie angekündigt zur Veranstaltung geschafft. Der Politiker hätte, so Edenhofer augenzwinkernd, »die Reste des heiligen Geistes wahrnehmen können, die wir noch in unseren Reihen haben.«

Bundeskanzler Olaf Scholz auf dem Katholikentag (Foto: picture alliance/Marijan Murat)

Freitag, 27.05.2022, 13:45 Uhr: Ein (fast) freundliches Publikum für den Bundeskanzler

Als er kommt, rauscht der Applaus, die Leute stehen auf: Der Bundeskanzler ist im (nicht ganz vollen) Beethoven-Saal der Stuttgarter Liederhalle angekommen, im schwarzen Anzug mit ernster Miene. Olaf Scholz klappt die Mappe mit dem Bundesadler auf und referiert: Zeitenwende, das finde er »immer noch passend«. Hinweg sei die Sicherheit, dass Grenzen nicht gewaltsam verschoben werden dürfen, dass nicht das Recht des Stärkeren gelte. »Putin darf mit diesem zynischen, menschenverachtenden Krieg nicht durchkommen«, ruft er in den Saal und erntet den gewünschten Beifall. Deshalb die Sanktionen, deshalb die Waffenlieferungen an die überfallene Ukraine. Ja, das werfe »schwere Fragen auf, politisch, ethisch, persönlich«; sie müssten in gegenseitigem Respekt diskutiert werden. Für ihn aber sei klar: »Gerechtigkeit ist die Voraussetzung für den Frieden«, das Ziel seiner Politik sei »die Überwindung der Gewalt durch das Recht«.

Dem möchte dann, als es zur Podiumsdiskussion geht, Irme Stetter-Karp nicht widersprechen, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Auch sie sei sicher gewesen, »wir hätten den Frieden erreicht, und so würde es bleiben«. Zwei Bitten aber hat sie an den Bundeskanzler: dass nicht nur der Wehretat um hundert Milliarden Euro erhöht werde, sondern auch der Etat für die Entwicklungszusammenarbeit steige. Und dass die Armen in Deutschland über der Aufrüstung nicht vergessen werden, die Wohnsitzlosen, die Menschen, die ihre Heizkosten nicht mehr zahlen können.

Bei allem Furchtbaren der Gegenwart kann eine Zeitenwende auch zu Gutem führen, sagt Schriftstellerin Nora Bossong; die 40-Jährige hat ein Buch geschrieben über ihre Generation, die sie als aus ihrer allzu großen Selbstsicherheit gerissen beschreibt. Wie notwendig die Energiewende sei, das sei nun unabweisbar. Und die Ignoranz gegenüber den armen Ländern gerade in Afrika müsse nun vorbei sein. Als Bossong dann noch sagt, eine der Lehren aus Krieg und Pandemie sei, dass die Einzelnen mehr Eigenverantwortung übernehmen müssten, hält Irme Stetter-Karp dagegen: Es brauche gerade in Krisenzeiten einen Staat, der die Schwachen nicht alleine lässt. Dem mag die Schriftstellerin nicht widersprechen, und der Friede auf dem Podium ist wiederhergestellt.

Als Olaf Scholz sagt, bei der Energiewende dürfe man die Menschen aus dem Braunkohle-Tagebau nicht vergessen, springt ein schwarz gekleideter junger Mann auf, ruft laut »Lüge«, drängt nach vorne, wird aus dem Saal geführt. Mit Erpressung schaffe man keine Zustimmung zur notwendigen Energiewende, kommentiert Nora Bossong unter stürmischem Applaus.

So freundlich das Publikum mit dem Podium umgeht – es hat doch einige kritische Fragen. Wie ist das mit dem »Gewissensspagat«, wenn Deutschland todbringende Waffen liefert? Sie habe keine sie selber befriedigende Antwort, gibt Stetter-Karp zu. Und braucht es wirklich 100 Milliarden Euro für die Rüstung, Herr Bundeskanzler?

Olaf Scholz macht eine Kunstpause und sagt trocken: Ja.

Pressekonferenz zur Ukraine, mit der Theologin Regina Elsner (Zweite von Links) und Andrij Waskowycz, dem ehemaligen Caritas-Direktor der Ukraine (Mitte) (Foto: Marius Jacoby).

Donnerstag, 26.05.2022, 19:15 Uhr: Waffen statt Leisetreterei gegenüber Russland

Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, hat beim Eröffnungsgottesdienst davon gesprochen, dass der Katholikentag bei den gegenwärtigen Herausforderungen zu Krieg und Frieden eine »Zeitansage« geben wolle. Es sieht so aus, als würde der Katholikentag auch bei diesem Thema dem eher zögerlichen Papst die Gefolgschaft verweigern.

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Der ehemalige Caritas-Direktor der Ukraine, Andrij Waskowycz, hat auf dem Katholikentag nochmal für die Position der ukrainischen Regierung geworben: Man müsse den Angreifer Russland aus dem eigenen Land zurückdrängen und könne keine territorialen Zugeständnisse machen. Diese würden nicht zu Frieden führen, sondern zu weiterem Leid der betroffenen Menschen in den von Russland besetzten Gebieten. Wladimir Putin würde Nazismus mit ukrainischer Identität gleichsetzen. Eine Denazifizierung würde also die Vernichtung von Ukrainerinnen und Ukrainern bedeuten.

Die Unterscheidung zwischen Angriffs- und Defensivwaffen, die die NATO macht, um keinen Krieg mit Russland zu riskieren, relativierte Waskowycz. Auch die Ukraine habe kein Interesse an einer Ausweitung des Krieges, aber nur mit schweren Waffen könne Russland aus dem Land vertrieben und der Krieg beendet werden. Solidarität und ein Bewussthalten des ungerechten Krieges seien wichtige Waffen in dem hybriden Krieg; deswegen sei es von großer Bedeutung, dass der Katholikentag sich mit dem Thema beschäftige, so Waskowycz.

Die Theologin Regina Elsner vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin kritisierte die Haltung von Papst Franziskus gegenüber der russisch-orthodoxen Kirche. Der Papst habe lediglich den russischen Angriffskrieg beim Namen genannt, aber nicht die Verstricktheit der russisch-orthodoxen Kirche darin. Eine freundliche Grußadresse aus dem Vatikan habe die russisch-orthodoxe Kirche auf ihre Homepage gesetzt als Zeichen der vermeintlichen Solidarität Roms. Dieses Schreiben wäre bei aller diplomatischen Rücksicht, nicht nötig gewesen, so Elsner.

Sie sehe auch keine Anzeichen, dass die russisch-orthodoxe Kirche von der Vollversammlung des Ökumenischen Kirchenrates im August in Karlsruhe ausgeschlossen würde. Sie würde es bevorzugen, wenn eine ukrainische Delegation aus unterschiedlichen Kirchen zusammengestellt würde. Stattdessen aber versuche die russisch-orthodoxe Kirche sicherzustellen, dass nur von ihr benannte Personen aus der Ukraine mit nach Karlsruhe reisen könnten.

Es brauche auch eine Zeitenwende in den ökumenischen Beziehungen, forderte die Osteuropa-Expertin. Es reiche nicht mehr, nur über die Lehre der Kirchen und ihre spirituellen Praktiken zu reden, man müsse sich auch über eine »politische Theologie« auseinandersetzen. Von römisch-katholischer Seite sei so ein kontroverser Dialog erschwert, weil man sich lange in einer Allianz mit der russisch-orthodoxen Kirche gesehen habe in der Ablehnung liberaler westlicher Werte, erklärte Elsner.

Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Katholikentags. (Foto: picture alliance/Marijan Murat)

Donnerstag, 26.05.2022, 16:30 Uhr: Bischof Bätzing und der »No-Go-Priester«

Bislang genoss Bischof Bätzing einen Vertrauensvorschuss. Es gelang ihm – nicht zuletzt durch sein verbindliches Auftreten und seine Aufräumarbeiten in Limburg – als Bischof neuen Typs zu gelten. Von diesem Vertrauensvorschuss ist seit heute nicht mehr viel übrig. Nachdem die Zeit-Beilage »Christ & Welt« pünktlich zum Katholikentag öffentlich machte, dass Bätzing einen Priester, der sich in zwei Fällen unangemessen gegenüber Frauen verhalten hatte, später zum Regionaldekan befördert hatte, steht der Verdacht im Raum, auch er könnte just bei diesem heiklen Thema seine Aufsichtspflicht über Kleriker nicht so genau nehmen.

Der Vorgang liegt zwar schon ein paar Jahre zurück. Es handelt es sich weder um eine justiziable Übergriffigkeit noch sind Kinder oder Jugendliche beteiligt. Aber man sollte es auch nicht verharmlosen. Oder um es mit Bätzings eigenen Worten zu sagen: Was der Priester gemacht habe, sei »ein absolutes No-Go.« Dann aber stellt sich die Frage: Warum beförderte Bätzing einen No-Go-Priester zum Regionaldekan? Man kann einwenden, dass dieses Amt in Limburg ein Wahlamt ist, und der Beschuldigte dort von seinen Amtskollegen mit großer Mehrheit hineingewählt worden war. Dennoch: Bätzing hätte sein Veto einlegen können.

Warum er das nicht getan habe, wollte Dunja Hayali in einer live übertragenen Diskussionsveranstaltung von ihm wissen. Die Antwort Bätzings ließ, je länger sie wurde, die Fragezeichen auf den Gesichtern im Podium und im Auditorium immer größer werden. Er entschuldigte sich nicht etwa dafür, sondern rechtfertigte seine Entscheidung. Nachdem der Priester seine Strafe bekommen habe, habe er in der Beförderung die Möglichkeit »einer Rehabilitation und Verantwortungsübernahme« gesehen. Zudem habe er die Entscheidung nicht alleine, sondern nach Beratungen mit einem Gremium getroffen (was die Sache nicht besser macht). »In dieser konkreten Situation habe ich mich entschlossen, in Abwägung aller Positionen diese Entscheidung zu treffen.« Darüber habe er die betroffene Mitarbeiterin vorab informiert. Diese habe ihm in einem ersten Gespräch nicht gesagt, »dass das gar nicht gehe«, sondern erst nachher ihr Entsetzen gegenüber der Zeitung öffentlich gemacht.

Da platzte Johanna Beck, Mitglied im Betroffenenbeirat der Bischofskonferenz der Kragen: »Das macht mich wirklich wahnsinnig!« Drei Dinge legte sie Bätzing ans Herz: »Nur weil jemand bereut, heißt das ja nicht, dass er es nicht wieder tun könnte.« Die Reue könne nicht die Basis der Beförderung sein. Zweitens: Offensichtlich habe Bätzing immer noch nicht die Dynamik des Missbrauchs begriffen, der »ja nicht nur zwischen Null und 18 Jahren« stattfinde. Und drittens: Nur weil die Befragte nach der Vorabinformation nicht energischer »Nein« gerufen habe, bedeute das noch lange keine Zustimmung. Man müsse auch damit rechnen, dass Personen, denen solche Übergriffigkeit widerfahren ist, bei einer solchen Information so schockiert sind, dass es ihnen die Sprache verschlägt.

Donnerstag, 26.05.2022, 11:00 Uhr: Friedensbitten und verhaltene Freude zur Eröffnung

Die Wiese im oberen Schlossgarten lädt zum Hinsetzen ein. Und: Man kann sich hinsetzen, denn es gibt Lücken in der Menge, die sich vor der Bühne versammelt hat, auf der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann auftreten, wo Irme Stetter-Karp den Katholikentag eröffnet, die Bischöfe Gebhard Fürst (katholisch) und Otfried July (evangelisch) grüßen und segnen. Die 6000 Besucherinnen und Besucher, von denen der Katholikentag spricht, sind eine großzügige Schätzung.

Die Band Patchwork müht sich redlich um die Stimmung. Der päpstliche Nuntius Nikola Eterovic liest den Gruß des Papstes vor, den man nicht so gut versteht; der Beifall für den Papst bleibt leise. Von der Balustrade des Staatstheaters her wehen die Klänge des evangelischen Posaunenchors, ein ökumenischer Gruß, den ein Polizeihubschrauber niederknattert.

Das Treffen der Katholikinnen und Katholiken beginnt bestenfalls gebrochen fröhlich: Der Krieg, die Erderwärmung, die Missbrauchs-Krise, sie bestimmen die Eröffnungsreden. Irme Stetter-Karp sagt, der Katholikentag werde sich mit den neuen friedensethischen Herausforderungen auseinandersetzen, er sei da eine »Zeitansage«. Sie sagt, die katholische Kirche müsste »vom Kopf auf die Füße« gestellt werden, das »Oben und Unten« müsse ein Ende haben. Bundespräsident Steinmeier appelliert an Russlands Präsident Putin: »Beenden Sie das Leid und die Zerstörung in der Ukraine« und bekommt dafür den ersten langen Applaus des Abends, in den von hinten ein Mann ruft, er sei gegen weitere Aufrüstung. Steinmeier sagt noch, dass er den Reformprozess des Synodalen Weges mit großer Sympathie beobachte. Dann halten die Menschen auf der Wiese ukrainisch-blaugelbe Schals in die Höhe und singen die Friedensbitte: »Dona nobis pacem«.

Dass die Kirchentagsmenschen beim »Abend der Begegnung« Stuttgarts Innenstadt dominieren, kann man nicht sagen; die ganze Stadt ist draußen an diesem schönen Frühsommerabend. Immerhin: Sie fallen auf, mit ihren lachsfarbenen Kirchentags- und den Ukraine-Schals, bilden Trauben um die weißen Spitzzelte, wo es Maultaschen, Borschtsch und asiatisches Fingerfood gibt. Und sie sind dann doch gut gelaunt: Man trifft sich wieder. Leibhaftig.

..Vom 25. bis 29. Mai findet in Stuttgart der Katholikentag statt (Foto: epd/Thomas Niedermueller)

Mittwoch, 25.05.2022, 18:00 Uhr: Gutes Wetter, wenig Strahlkraft – der Eröffnungsabend

Eigentlich gibt es am Beginn eines Katholiken- oder Kirchentages nur zwei Fragen: Wie ist das Wetter? Und: Wie viele haben sich angemeldet? Das Wetter entscheidet über Stimmung, die Zahlen über das Selbstvertrauen. Ersteres ist ideal: Ein Frühsommerabend schafft einen perfekten Rahmen zum Flanieren. Die zweite Frage ist schwieriger zu beantworten: Sind die 19 000 Dauerteilnehmer angesichts von Pandemie und katholischem Kirchenzorn viel oder wenig?

Zieht man von den 19 000 die 7000 Mitwirkenden ab und stellt in Rechnung, dass die meisten Teilnehmenden aus der näheren Umgebung oder dem Nachbarbistum Freiburg angereist sind, wird man sagen können: Deutschlandweite Strahlkraft konnte der Katholikentag nicht erzeugen. Die beliebte kirchliche Rhetorik von der »Wächterrolle« oder der »Zeitansage« lässt sich damit nicht begründen, auch wenn ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp mit einem gewissen Recht sagt: »Nennen Sie mir einen anderen Ort, an dem so viele Menschen aus unterschiedlichen Milieus vier Tage über Weltprobleme sprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen.«

Inhaltlich hat der Katholikentag viel zu bieten: Das Spektrum reicht von der Friedensethik über weltweite Gerechtigkeitsfragen und Kirchenreform bis hin zu einer kritischen Selbstvergewisserung: Braucht man Christen noch? Und wenn ja, wofür? Viele Podien sind ökumenisch besetzt, auch aus der Politik haben etliche Persönlichkeiten einen Auftritt zugesagt (darunter Frank-Walter Steinmeier und Olaf Scholz). Doch ZdK-Generalsekretär Marc Frings räumt ein, dass man durchaus Distanz in der Resonanz auf die Einladungen gespürt habe.

Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart haben der Katholikentagsbewegung, der »katholischen Zivilgesellschaft« (Stetter-Karp) jedenfalls einen freundlichen Empfang bereitet. Selten, so hieß es auf der Pressekonferenz, gab es in jüngster Zeit bei Christentreffen von politischer Seite so viel Wohlwollen und Unterstützung. Zuviel, beklagt die kirchenkritische Giordano-Bruno-Bewegung. Sie hätte ihre Demonstration mit Missbrauchsbetroffenen und der polemischen Großplastik vom Hängemattenbischof gerne mitten in die katholische Flaniermeile hineinplatziert und fühlt sich an den Rand gedrängt.

Heute Abend geht’s los. Und in den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob die »katholische Zivilgesellschaft« nicht nur eine »Freundin der Demokratie« ist, wie Frau Stetter-Karp sagte, sondern auch etwas für sie tun kann.

Veranstaltungen online und vor Ort

Die Leserinitiative Publik-Forum e.V. ist mit der Podiumsdiskussion »Frau. Macht. Religion« auf dem Katholikentag vertreten. Sie lädt außerdem zu drei kostenlosen Online-Veranstaltungen ein: Am 27. Mai zum Streitgespräch »Synodaler Weg oder Irrweg?« und zu einem Vortrag mit Diskussion zum Thema »Gerecht wirtschaften – Leben teilen.« Und am 28. Mai zur Podiumsdiskussion »Ungläubig glauben – Gibt es ein christliches Leben nach der Kirche?«.

Unsere Infostände in Stuttgart

Publik-Forum: Medienmeile Königstraße, 4-KS-02

Leserinitiative Publik-Forum e.V.: Kirchenmeile Berliner Platz, 1-LH-10

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Ingrid Boss
29.05.202217:05
Jesus sagte nach seiner Auferstehung zu den drei Frauen :
„Geht hin und verkündet den Jüngern……..“
Immer noch sind in der katholischen Kirche die Frauen nicht berufen,
Pfarrerinnen zu werden.
Sie durften den Jüngern die Auferstehung verkünden.
Was hält die katholische Kirche von der Umsetzung ab?
Frauen als Verkünderinnen der Botschaft.
Kein Thema beim Kirchentag?
Ingrid Boss