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vom 20.04.2020
von Petra Anna Schiener

Tag 1 der Krise.
Ich liege auf meinem Stammplatz in der Sonne. Es ist ein perfekter Frühlingstag. Ich warte auf Anna. Wir gehen am Abend immer an den Strand. Aber heute liegt etwas in der Luft. Anna hat schon am Nachmittag lange vor ihrem großen eckigen Kasten gesessen. Es kamen verschiedene Bilder. Männer in Anzügen, die viel sprachen. Frauen, die ihnen Fragen stellten. Menschen in Betten, an Apparate angeschlossen. Gestalten in grünen Kitteln mit weißen Masken im Gesicht. Sie reden von der Krise. Irgendwas ist da passiert. Wuff.

Tag 2 der Krise.
Meine Anna und ich gehen am Strand spazieren. Es ist ein schöner Abend. Komisch ist nur, dass außer uns niemand unterwegs ist. Egal. Meine Anna und ich sind ein gutes Zweier-Team. Wir brauchen die anderen nicht. Aber ein bisschen toben mit dem Golden Retriever wäre schon schön. Vielleicht ist er morgen wieder da. Jetzt sitzt meine Anna schon wieder vor ihrem großen eckigen Kasten. Die Bilder sind die gleichen wie die von gestern. Wenn sie nur nicht vergisst, mir mein Futter hinzustellen. Wuff.

Tag 3 der Krise.
Anna hat mich von meinem Liegeplatz verscheucht. In der Hand hält sie einen langen Stiel mit einem Lappen vorne dran. Neben ihr steht ein Eimer mit Wasser. Anna macht nun alles nass. Ich kenne das schon. Aber heute dauert es sehr lang. Sie soll sich beeilen. Wir wollen doch an den Strand. Ich sitze auf den Stufen und klopfe mit dem Schwanz. Das hilft sonst immer. Aber heute sagt Anna: »Lass das, Rex. Wir gehen erst später raus.« Ich bin beleidigt. Wuff.

Tag 4 der Krise.
Heute früh war ich schwimmen. Es war toll. Aber meine Anna war nicht so fröhlich wie sonst. Jetzt sitze ich vor meinem Futterplatz in der Küche. Anna stellt den Napf auf den Boden. Ich stoße meine Schnauze hinein. Was ist das? Verdammt, das ist Trockenfutter. Ich weiche vom Napf zurück. Meine Anna sagt: »Tut mir Leid, Rex. Ich kann nicht mehr jeden Tag Frischfutter holen. Wegen Corona.« Ich lege die Ohren an. Corona? Wer soll das sein? Wir kennen doch gar keine Corona. Und was hat die mit meinem Futter zu tun? Dieses trockene Zeug rühre ich nicht an. Wuff.

Tag 5 der Krise.
Wir sind am Strand. Meine Anna wirft den Ball ins Wasser. Ich apportiere ihn. Sie wirft ihn wieder hinaus. Das ist schön. Aber wo sind denn die anderen? Heute würde ich sogar mal mit dem blöden Terrier spielen. Anna setzt sich in den Sand. Sie nimmt die Sandkörner auf und lässt sie durch ihre Finger rieseln. Sie ist traurig. Ich trotte zu ihr hin und stupse sie mit meiner Schnauze an. Da, schau mal – da hinten geht ein Mensch. Anna sieht zu ihm hinüber. Gleich wird er näherkommen, und sie wird mit ihm reden. Aber was ist das? Der Mensch geht weit entfernt an Anna vorbei. Das ist komisch. Wuff.

Tag 6 der Krise.
Wir sind sehr lange am Strand. Muss Anna denn überhaupt nicht mehr arbeiten? Egal. Mein Futternapf wird täglich gefüllt. Es ist zwar nur Trockenfutter, aber das ist besser als gar nichts. Ich habe meinen Hungerstreik beendet. Meine Anna hat jetzt viel Zeit für mich. Ich liebe dieses Leben. Der Mensch von gestern ist auch am Strand. Es ist ein Mann. Er geht wieder in einem großen Bogen an uns vorüber. Anna sieht dem Mann nach. Warum sprechen sie nicht miteinander? Mein Hundehirn kapiert das nicht. Wuff.

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Tag 7 der Krise.
Die Sonne scheint. Wir machen unseren Spaziergang am Strand. Wasser, Luft, Freiheit – was für ein Hundeleben! Ich renne vor und zurück, wälze mich im Sand, renne ins Meer. Der Mann ist auch wieder da. Er bleibt in einiger Entfernung von uns stehen. Anna sieht zu ihm hinüber. Jetzt wechseln sie doch tatsächlich ein paar Worte! Sie müssen gegen den Wind anschreien, weil sie so weit auseinanderstehen. Wuff.

Tag 8 der Krise.
Es ist ein herrlicher Strandtag. Aber meine Anna ist traurig. Der Mann steht weit von uns entfernt. Vielleicht hat er Angst vor mir? Ich sprinte ins Meer und paddle sehr weit hinaus. Jetzt bekommt der Mann seine Chance. Aber mein sportlicher Einsatz ist umsonst. Der Mann nähert sich Anna nicht. Ich krieche aus dem Wasser heraus und setze mich Anna zu Füßen. Ich bin sehr müde. Sie streichelt mir den Kopf. Dabei seufzt sie: »Ach, Rex. Er wird nicht herkommen. Er hat Angst vor Corona.« Er hat also gar keine Angst vor mir, sondern vor Corona? Ich mag diese Corona nicht, weil sie meine Anna traurig macht. Wuff.

Tag 9 der Krise.
Wir sind am Strand. Ich grabe neben Anna ein tiefes Loch im Sand. Was gibt es Schöneres, als im Sand zu buddeln. Da höre ich etwas. Musik. »We Are The Champions«. Meine Anna hebt den Kopf. Der Mann steht auf den Dünen. Er hält ein kleines schwarzes Ding hoch. Da kommt die Musik heraus. Anna lacht ihr helles Lachen. Dann steht sie auf und fängt an zu tanzen. Der Mann oben auf den Dünen tanzt auch. Da soll ein Hund mal die Menschen verstehen. Wuff.

Tag 10 der Krise.
Es ist ein wundervoller Tag. Der Mann steht zwei Meter entfernt neben Anna am Strand. Sie sprechen und lachen. Meine Anna strahlt. Der Mann wirft den Ball hinaus aufs Meer. Er wirft weiter als meine Anna. Ich tauche nach dem Ball. Das macht Spaß. Jetzt habe ich den Ball in der Schnauze. Ich schwimme an Land und spurte aus dem Wasser heraus. Ich bleibe stehen. Wer bekommt denn jetzt den Ball – der Mann oder meine Anna? Egal. Ich lasse den Ball zwischen ihnen fallen. Dann renne ich den leeren Sandstrand entlang. Das Leben ist schön. Wuff.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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