High Noon in Rom
Sein Coming-out hatte er wohlplatziert: Krysztof Charamsa, katholischer Priester, Mitarbeiter der römischen Glaubensbehörde, offenbarte seine Homosexualität am Wochenende über die Medien. Zur Pressekonferenz in Rom, die Interviews mit ihm in italienischen und polnischen Zeitungen folgte, hatte er seinen Lebenspartner gleich mitgebracht.
Er wolle klar machen, dass es viel mehr schwule Priester gebe als die Welt glaube, sagte Charamsa. Das müsse jetzt, zu Beginn der Weltsynode über Sexualität und Partnerschaftsfragen, endlich berücksichtigt werden. In der Glaubensbehörde, geführt von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, habe er sich nur noch unwohl gefühlt. Müller sei »das Herz der Homophobie der Kirche«. Offensichtlicht, dass der 43-jährige, attraktiv und dynamisch wirkende Charamsa seine berufliche Zukunft nicht mehr in der Glaubensbehörde sucht. Die hatte ihn sowieso unmittelbar nach Erscheinen der Zeitungsinterviews herausgeworfen. Da konnte Charamsa also nicht mehr viel falsch machen.
Die zwei Lager
Das Thema Homosexualität soll allerdings, geht es nach den Synodenvätern, bei der insgesamt dreiwöchigen Beratung nur eine Nebenrolle spielen, Ob das jetzt noch gelingt? In der Frühphase der entscheidenden Weltbischofssynode über die Familie in Rom sammeln sich Befürworter und strikte Gegner einer weltoffenen Familienpolitik. Rund 250 Bischöfe sind stimmberechtigt. Dazu wurden noch fünfzig Laien als nicht stimmberechtigte Beraterinnen und Berater berufen, unter ihnen das seit vierzig Jahren verheiratete deutsche Ehepaar Petra und Aloys Buch. In die entscheidende Meinungsschlacht werden die Laien wohl kaum eingreifen.
Zwei Lager stehen sich in der römischen Bischofs-Arena gegenüber, wie das bei den Katholiken seit Jahrhunderten üblich ist. Beide ausgestattet mit kantigen, kardinalen Sprechern – hüben wie drüben. Robert Sarah und Gerhard Ludwig Müller, ein aus Guinea und ein aus Mainz-Finthen stammender Kurienkardinal, führen die Konservativen. Ihre Gefolgsleute wollen nichts an der Familienlehre ändern, die vom polnischen Papst Johannes Paul II. 1981 mit dem Apostolischen Schreiben »Familiaris Consortio« formuliert wurde und die vom Kirchenvolk wegen ihrer realitätsfernen Teile abgelehnt wird. Stichworte: Unauflöslichkeit der Ehe, Pillenverbot, Ausschluss der Wiederverheirateten von Beichte und Kommunion. – Die Partei der Erneuerer, der Öffner hat mehrere Front-Kardinäle: den Dominikaner Christoph Schönborn aus Wien, Kardinal Walter Kasper, einen schwäbischen Römer, Reinhard Marx aus München. Sie argumentieren für Reformen im Sinne von Papst Franziskus. Also für einen »Paradigmenwechsel« im Blick auf die wiederverheirateten Geschiedenen, wie ihn auch Bischof Franz-Josef Bode, der Chef des Familien-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, fordert.
Kampf der Bücher
Die Konservativen legen zur Synode »Das Buch der Elf« vor, so nennen es die italienischen Medien. (Herder Verlag). Ein traditionsgesinnter Elferrat von Kardinälen – Kölns Altkardinal Joachim Meisner, der Chef der italienischen Bischofskonferenz Camillo Ruini und etwa Venezuelas Kardinal Jorge Urosa fordern das Beharren auf Altes und Bewährtes.
Die Progressiven dagegen haben ein absichtsreiches Bildungsprogramm durchgeführt. Die deutschen, die schweizerischen und die französischen Bischöfe führten zwei Tagungen in Südfrankreich und an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom durch: »Zur Hebung des teils bedauerlichen theologischen Niveaus unter den Bischöfen in den Ehe-, Familien und Sexualitätsfragen«, so Kardinal Marx. Beide – moderne Theologie vermittelnden – Tagungen fanden auf Französisch statt. Dies verfolgte das Ziel, möglichst viele der jeweils stimmberechtigten knapp vier Dutzend afrikanischen Bischofskonferenzen aufzuklären. Auch dieser Tagungsband liegt als Buch vor.
Schoko-Kekse von Franziskus?
Wird Papst Franziskus wieder lächelnd zuhören und an Synodenteilnehmer beim Pausen-Gespräch Schoko-Kekse verteilen, wie er das im Oktober 2014 bei der Außerordentlichen Familiensynode tat? Mit seinen bewährten, pastoralen Freundlichkeiten kann der Kommunikator von Weltklasse zumindest die erste Halbzeit der Synode gut durchstehen. Denn bis zur dritten Woche wird, nach Sprachen geordnet, in Rom in Kleingruppen gearbeitet. Dann aber heißt es: entscheiden.
Synoden-Frauen auf dem Hinterbänkchen?
Fünfzig Katholikinnen und Katholiken sind als nicht stimmberechtigte, da nichtgeweihte Mitglieder in die Familiensynode berufen, neben den 250 stimmberechtigten Bischöfen. Sie sind von ihrer jeweiligen heimischen Bischofskonferenz berufen oder vertreten als Kurien-Chefs Spitzenämter im Vatikan. Vielfach handelt es sich bei den Laien um in die Jahre gekommene, amtskirchlich linientreue Ehepaare aus katholischen Vereinigungen wie beispielsweise dem Opus Dei. Doch es gibt selbstbewusste Ausnahmen. So erstritt sich letztes Jahr, beim römischen Vorspiel zum diesjährigen Entscheidungstreffen, die Leiterin der Familienpastoral und -beratung im Erzbistum Berlin, Ute Eberl, das Rederecht in ihrem Arbeitskreis. Denn die kardinalen Platzhirsche in ihrer Gruppe befanden nach einem Blick ins Kleingedruckte beim Synodenreglement, eine Laiin müsse in der hinteren Reihe der Arbeitsgruppe Platz nehmen und dürfe erst reden, wenn sie von den Hierarchen gefragt werde.
Die einsame Entscheidung
Erst in der letzten Synodenwoche im Vatikan werden im Plenum die Fetzen fliegen. Aber vielleicht geht man auch wohltemperiert miteinander um? Denn man kämpft ja um Stimmpakete, um die Voten der noch Unentschlossenen.
Die einsame Entscheidung über die heiß umstrittenen Punkte, die über die zukünftige Ausrichtung der katholischen Kirche entscheiden – wiederverheiratete Geschiedene und Willkommenskultur für homosexuelle Christen – liegt am Ende dann bei Papst Franziskus. Denn die Weltbischofssynode ist bloß ein Beratungsgremium, kein Beschluss fassendes Parlament. Die Ecclesia catholica wurde eben seit ihren Demütigungen durch Napoleon und seit dem Ersten Vatikanischen Unglückskonzil im späten 19. Jahrhundert eine absolutistische Veranstaltung – was würde Jesus dazu sagen? Das mit Demokratie keineswegs zu verwechselnde Abstimmungsmoment liegt in jener Regel der Synode, dass dem Papst am Ende nur Beschlüsse vorgelegt werden sollen, die eine Zweidrittelmehrheit der Synodenväter erzielt haben.
Steht oder fällt Franziskus?
Für den argentinischen Papst und Jesuiten, der soeben eine triumphale Reise durch Kuba und die Vereinigten Staaten absolvierte, steht nun alles auf dem Spiel. Fällt Franziskus bei der Weltbischofssynode über das vatikanisch heikelste aller Themen, dessen Behandlung er selbst und im Alleingang bald nach seiner Wahl 2013 anzettelte? In Washington und New York vermochte es der geniale Kommunikator, harte, unbequeme Wahrheiten und Positionen zu vertreten und zu überzeugen – mit einem warmherzigen und unbezwingbaren Lächeln – so gewinnend, dass selbst die von ihm Attackierten verstummten und nicht zur Gegenrede ansetzten.
Franziskus wird entscheiden. Damit wird er – so oder so – einen hohen Preis bezahlen. Votiert er für – sein Lieblingswort – »Barmherzigkeit«, werden ihm die Konservativen das übel nehmen. Nachhaltig werden sie ihn als Schwachmatikus, als einen Aufweichler der angeblich bis in Ewigkeit gültigen römischen Doktrin geißeln, die der polnische Papst im Apostolischen Schreiben von 1981 formulierte. Lässt Papst Franziskus jedoch in der Familienlehre alles beim Alten, so geht er als der große Verlierer aus der vatikanischen Arena. Soviel Synodenspektakel 2014 und 2015 – und dann am Ende kein noch so mageres Reformergebnis? Der Pontifex stünde künftig da als einer, der viel gewollt und nichts erreicht hat. Als ein Mann der guten Worte, nicht aber der reformerischen, Zukunft eröffnenden Taten.
