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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2016
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Gott der Rache, Gott der Liebe

von Hartmut Meesmann vom 12.02.2016
Sollen Christen das Alte Testament am besten vergessen, weil Gott darin zu gewalttätig ist? Der Streit über diese Frage ist wieder neu aufgeflammt
Der Ire Francis Danby malt die Sintflut: Ein Katastrophe, verursacht von einem rächenden Gott? (Foto: Wikipedia)
Der Ire Francis Danby malt die Sintflut: Ein Katastrophe, verursacht von einem rächenden Gott? (Foto: Wikipedia)

Die Gewalt. Immer wieder die Gewalt. »Schaut euch doch euer Altes Testament an. Da ist ein blutrünstiger Gott, der zum Töten auffordert und die Vernichtung ganzer Völker will!« So oder ähnlich lauten die Vorwürfe derer, die das Christentum ablehnen. Und selbst unter Christen, die sich nur noch dumpf ihrer jüdischen Wurzeln erinnern, geistert immer noch die Entgegensetzung vom »alttestamentlichen Gott der Rache« und dem »liebenden Gott des Neuen Testaments« herum.

Seit im vergangenen Jahr der evangelische Berliner Theologe Notger Slenczka die Erzählungen des Alten Testaments lediglich als »Zeugnisse einer vor- und außerchristlichen Gotteserfahrung« bezeichnet hat, ist der jahrhundertealte Streit wieder neu entfacht. Slenczka argumentiert, dass das Erste oder Alte Testament nicht das »Evangelium von Jesus Christus« verkündet und man es auch nicht – wie in der Kirchengeschichte vielfach geschehen – als eine Art »Verheißung« auf Christus hin lesen könne. Das Alte Testament sei das Gesetz des Judentums und gehöre also ihm. Deshalb will es Slenczka zwar nicht aus dem christlichen Kanon – also der von der Kirche als verbindlich anerkannten Schriftensammlung – verdammen, aber in seiner Bedeutung für Christen doch deutlich herabstufen.

Auf einem Studientag der Evangelischen Akademie Frankfurt/Main verdeutlichte der Bielefelder evangelische Alttestamentler Frank Crüsemann, dass dieser Streit bis in die Anfangszeit des Christentums zurückreicht: »Für die einen knüpft das Neue Testament an das Alte an, für die anderen löst es das Alte ab.« Letztere Position sei meist mit einer Abwehr des Judentums verknüpft. Der Theologe Marcion (gestorben 160 n. Chr.) sprach gar von zwei verschieden

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Kommentare
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Georg Lechner
13.02.201611:49
In der nomadischen Zeit war der überlebensnotwendige Zusammenhalt das Manna, das das Volk der Verheißung bestehen ließ. Nach dem Seßhaftwerden wurden die überlieferten sozialen Regeln in der Gier nach mehr Macht und Besitz zunehmend missachtet, was den inneren Zusammenhang unterminierte wie im Prophetengleichnis von der mörtellosen, nur übertünchten Ziegelmauer, die beim nächsten Gewitterregen unterspült wird und in sich zusammenfällt. Die Rede von Gott im Ersten Testament ist ganz klar als stammesegoistische Reflexion über seine geschichtliche Entwicklung zu sehen - in profaner Lesart das Ergebnis menschlicher Projektion. Beim Blick auf die nachdenklichen Passagen der Bibel (oder auf die dadaistische Formel: "Gott ist die Freiheit der Geringsten in der Gemeinschaft Aller") pointiere ich es so: Gott ist eine Erfindung der Menschen, aber wohl ihre beste.