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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2015
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Ein letztes Mal

von Irene Dänzer-Vanotti vom 20.11.2015
Dreißig junge Menschen sprechen in einem Hospiz mit Sterbenden. Sie führen intensive Gespräche über das Leben. Für manche der jungen Erwachsenen ändert sich danach viel
Der angehende Erzieher Moritz Faust spricht mit Reinhard, der ihm sagt: »Wir haben einen geistig behinderten Sohn.Wenn einer von uns stirbt, muss er in ein betreutes Wohnen. Das ist vielleicht das härteste Brot.« (Foto: © http://30jungemenschen.de)
Der angehende Erzieher Moritz Faust spricht mit Reinhard, der ihm sagt: »Wir haben einen geistig behinderten Sohn.Wenn einer von uns stirbt, muss er in ein betreutes Wohnen. Das ist vielleicht das härteste Brot.« (Foto: © http://30jungemenschen.de)

Das Gras roch so intensiv. Oder duftete es? Und das Surren des Rasenmähers klang irgendwie interessant. So viele Grüntöne in einem Grashäufchen! Nils hatte sie bis dahin nie wahrgenommen. Noch einmal riechen, noch einmal einatmen. Ein paar Minuten zuvor hatte Nils Ronge mit Marlene F. (Name geändert) gesprochen. Er wusste, dass sie bald sterben würde, und sie wusste es auch. Als er das Krankenzimmer mit Schnabeltasse und Glücks-Teddy verlassen hatte, nahm er sich vor, von nun an alles, was das Leben ihm bieten würde, bewusst wahrzunehmen, und sei es nur frisch gemähtes Gras auf dem Rasen vor der Palliativstation des Uniklinikums Düsseldorf.

Marlene F. stirbt einen Tag nach dem Gespräch

Nils Ronge war an dem Tag 22 Jahre alt, von Beruf Altenpfleger und einer von dreißig jungen Menschen, die mit Sterbenden sprachen, angeleitet von Ärzten und Psychologen der Düsseldorfer Palliativstation und Medizinern der anthroposophischen Universität Witten-Herdecke. Das ist inzwischen drei Jahre her. Ja, gibt Nils zu, inzwischen habe er etliche Lebensmomente unbeachtet vorüberziehen lassen. »Die Intensität schleift sich ein bisschen ab.« Aber wenn er beim Joggen einen Vogel zwitschern hört oder Gras riecht, dann ist er wieder ganz in dieser Situation, Minuten nach dem Gespräch mit Marlene F. Sie hatte ihm erzählt, dass sie erst in diesen Wochen, in denen sie ins Sterben lebte, gelernt habe, um Hilfe zu bitten. »Den Mut hatte ich vorher nicht.« Sie sagte Sätze wie: »Ob ich mit Schmerzen sterbe oder nicht, hat Gott für mich bestimmt. Darauf habe ich keinen Einfluss!«

Die Stunde mit der Frau, die ihm im Rollstuhl gegenübersaß, hat Nils verändert: »Ich will jetz

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