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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2020
Die Mechanik der Vergebung
Die Kirchen werden den Opfern nicht gerecht
Der Inhalt:

Theologie
Die Mechanik der Vergebung

von Christoph Fleischmann vom 04.12.2020
Die christliche Lehre von Schuld und Vergebung immunisiert gegen die Ansprüche der Opfer von Verbrechen. Das war nicht immer so.
Protest vor dem Dom in Fulda: Missbrauchsüberlebende fordern Gerechtigkeit von der Kirche (Foto: KNA)
Protest vor dem Dom in Fulda: Missbrauchsüberlebende fordern Gerechtigkeit von der Kirche (Foto: KNA)

Wenn man bereue, bekenne und wiedergutmache, bekomme man seine Sünden vergeben. Diese drei Elemente der Beichte seien doch bekannt unter Katholikinnen und Katholiken, so der Jesuit Hans Zollner kürzlich bei einer Tagung über Missbrauch im Raum der Kirche. Deswegen fragte Zollner, warum es für die Kirche als Institution so schwer sei, »ehrlich zu bereuen, was an Verbrechen geschehen ist, öffentlich zu bekennen und dann entsprechend wiedergutzumachen, soweit es möglich ist«. Für Hans Zollner, Präsident des Zentrums für Kinderschutz an der Gregoriana, geht es darum, die alte Lehre von Schuld und Vergebung angesichts der zahlreichen Missbrauchsfälle konsequent umzusetzen. Die Kirche habe im Prinzip den richtigen theologischen Kompass dafür. Ist das so? Oder ist die Lehre von Sünde und Vergebung ein Teil des Problems, warum Kirche sich schwertut mit einer öffentlichen Anerkenntnis von Schuld und einem angemessenen Ausgleich für die Leiden von Missbrauchsüberlebenden?

Auf derselben Tagung erinnerte Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, an die Aufforderung Jesu aus der Bergpredigt. »Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe« (Matthäusevangelium 5,23f.). Das sei doch eindeutig, so Katsch: Da stünden weltweit Abertausende Missbrauchsopfer und warteten darauf, dass die Kirche bekenne und Ausgleich schaffe. »Eigentlich hätte man im Jahr 2010 sagen müssen: Wir feiern erst wieder Gottesdienst, wenn wir diese Wunde der Kirche in Angriff genommen haben.« Wiederum also die Diagnose, dass die Kirche nur die eigene Lehre

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Georg Lechner
16.12.202008:34
Letztlich führt es wieder zur Problematik: Personales oder apersonales Gottesverständnis?
Ein personales Gottesverständnis ist mit der Frage nach dem gnädigen Gott gekoppelt und hat zu den Überlegungen in der abendländischen Geistesgeschichte geführt, die Horst-Eberhard Richter in "Der Gotteskomplex treffend analysiert (und als Trotzreaktion kritisiert) hat.
Ein apersonales Gottesverständnis berücksichtigt die Aussage des Evangelisten Johannes ungleich besser, dass Gott Geist ist und daher nur im Geist und in der Wahrheit recht angebetet werden kann. Ein derart rechtes Anbeten sehe ich in der biblischen Forderung nach Umkehr und Reue ("Gehorsam will ich, nicht Opfer") oder neuzeitlich in der Berücksichtigung der "Freiheit der Geringsten in der Gemeinschaft aller" (in Anlehnung an Hugo Ball) angesprochen.