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Der Papst redet Tacheles in Polen

von Thomas Seiterich vom 30.07.2016
Franziskus agiert beim Weltjugendtag nicht als freundlicher alter Herr, nicht als Grüß-August aus Rom. Er attackiert die nationalistische Verengung des polnischen Traditionskatholismus. Die Regierenden verziehen das Gesicht und koffern zurück: Sie küssen dem Pontifex den Ring. Diese feudale Treue-Geste ist aus Franziskus’ Sicht eine heftige Aggression
Viele Polen hätten gern einen anbetungswürdigen Papst, eine Figur wie Johannes Paul II. Doch Franziskus will das nicht sein. Da helfen auch alle Podeste und Ornamente nichts, die man für ihn zum Weltjungendtag aufgebaut hat. (Foto: picture alliance/NurPhoto/Artur Widak)
Viele Polen hätten gern einen anbetungswürdigen Papst, eine Figur wie Johannes Paul II. Doch Franziskus will das nicht sein. Da helfen auch alle Podeste und Ornamente nichts, die man für ihn zum Weltjungendtag aufgebaut hat. (Foto: picture alliance/NurPhoto/Artur Widak)

Mit einem vernehmlichen Rums fallen Ministerpräsidentin Beata Szydlo von der nationalkonservativen Partei PIS, Staatspräsident Andrzej Duda und zahlreiche Minister der polnischen Regierung vor Papst Franziskus auf die Knie. Die Szene spielt auf dem Wawel, im Renaissancehof der Burg auf dem historischen polnischen Königshügel in Krakau. Dann küssen die polnischen Mächtigen dem römischen Papst den Fischerring.

Vordergründig huldigen da konservative, kirchenfromme Katholiken ihrem »Heiligen Vater« an geschichtsträchtigem Ort. Doch jeder der Akteure weiß: Es handelt sich um einen Akt der Aggression. Denn der Argentinier hasst kaum etwas so sehr wie den reaktionären Humbug, der sich in dieser Geste erwachsener Christinnen und Christen ausdrückt. Dass sie vor dem Oberhaupt der Kirche das Knie beugen, um seinen Ring zu küssen als Zeichen unbedingter Treue und Loyalität. Es ist ein Ritual aus höfischen, vordemokratischen Zeiten, als in der römischen Kirche nahezu völlig vergessen war, wie antifeudal und herrschaftskritisch Jesus von Nazareth und die junge Kirche der ersten Jahrhunderte gehandelt hatten.

Franziskus bringt Polens Regierung durcheinander

Franziskus hatte zuvor ausgeteilt. Und zwar kräftig. Schon über den Wolken, im Flugzeug aus Rom, hatte er im Anflug auf Krakau erklärt, es sei nicht hinnehmbar, dass eine Regierung von Christen notleidende Flüchtlinge nach Religion sortiere und nur Christen aufnehme. Just dies ist die kleinkarierte Linie der Regierenden in Warschau. Bedauerlicherweise verfügt die nationalkatholische Regierungspartei PIS dank eines reformbedürftigen Wahlgesetzes seit Ende 2015 über die absolut

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Kommentare
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Heidrun Meding
18.08.201618:40
Papst Franziskus sollte diese engstirnigen und "unkatholischen" polnischen Politikerinnen und Politiker schlichtweg exkommunizieren.
Diese glauben an die Exkommunikation und werden sich schließlich den päpstlichen Ansichten fügen.
Wie gut, daß Papst Franzikus nicht einer jener verdruksten Päpste ist wie sein Vorgänger Papst Ratzinger.
Hoffentlich ist ihm, dem Papst mit menschlichen Attitüden, ein noch langes Leben beschieden.
Heike Luise Wächter
05.08.201619:37
Mich würde interessieren, ob die kritischen Äußerungen des Papstes überhaupt in den Medien verbreitet werden, ob die breite Masse die Meinung des Papstes erfährt.
Heidrun Meding
05.08.201617:12
Sollte Papst Franziskus diejenigen, die kein Erbarmen für Asylbewerberinnen und Asylbewerber aufbringen können, nicht rigoros exkommunizieren?
Vielleicht hilft dies "gläubigen" Katholikinnen und Katholiken, zur Umkehr zu gelangen und wieder zur Barmherzigkeit zurückzufinden.
Paul Haverkamp
01.08.201611:52
Franziskus als Konzilsbestatter?

Während seines Rückflugs vom WJT sagte Franziskus u.a.: „In fast jeder Religion gibt es immer eine kleine Gruppe von Fundamentalisten – bei uns auch." - ich ergänze: z. B. die Pius-Brüder!

In dem am 15.12.2008 an Papst Benedikt gerichteten Schreiben führte der Generalobere der Piusbrüder, Fellay. u.a. aus:

»Wir leiden unter der gegenwärtigen Lage der Kirche, … und machen uns alle Konzilien bis zum Zweiten Vatikanum zu eigen, hinsichtlich dessen wir jedoch Vorbehalte zum Ausdruck bringen möchten.«

Nun will Franziskus genau diese Fundamentalisten ohne Vorbedingungen in den Schoß der kath. Kirche zurückholen!

Weiß Franziskus wirklich nicht, dass Fellay im Blick auf die Konzilsbeschlüsse über die Religionsfreiheit, das Verhältnis zu den anderen Religionen und zur Ökumene gesagt hat: »Wir wollen dieses Gift nicht trinken?«

Jetzt ist offensichtlich Franziskus bereit, „das Gift“ der Piusbrüder zu trinken.

Eine innerkath. Tragödie!