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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2018
Hoffen über den Tod hinaus
Ein Streifzug durch die Religionen
Der Inhalt:

»Da hilft kein Pflästerchen«

Für Reformen in der Kirche ist es »zu spät«, sagt Martin Werlen, Alt-Abt des Klosters Einsiedeln. Sein gleichnamiges Buch führte über Wochen die Schweizer Bestsellerliste an. Ein Gespräch über Bibel und Hoffnung
Kloster Einsiedeln in der Schweiz (links), hier war Martin Werlen (rechts) von 2001 bis 2013 Abt: Sein aktuelles Buch »Zu spät« rechnet mit den verpassten Chancen der Kirche ab. (Fotos: pa/dpa/Keystone Bally; privat)
Kloster Einsiedeln in der Schweiz (links), hier war Martin Werlen (rechts) von 2001 bis 2013 Abt: Sein aktuelles Buch »Zu spät« rechnet mit den verpassten Chancen der Kirche ab. (Fotos: pa/dpa/Keystone Bally; privat)

Publik Forum: Pater Martin, wofür ist es denn zu spät?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 06/2018 vom 23.03.2018, Seite 34
Hoffen über den Tod hinaus
Hoffen über den Tod hinaus
Ein Streifzug durch die Religionen

Werlen: Wenn wir in der Kirche da oder dort eine Kleinigkeit verändern, ist das zwar ein Zeichen, aber es kommt zu spät. Gutgemeintes kann sogar peinlich wirken. Seit Papst Benedikt XVI. wird zum Beispiel einmal im Monat eine Tagesausgabe der Vatikanzeitung Osservatore Romano von Frauen redigiert. Das ist ein schönes Zeichen, doch in der Frauenfrage hilft kein Pflästerchen. Es ist zu spät. Wir müssen zu dieser Einsicht stehen und sie anerkennen. Erst dann erwachsen wieder neue Freiräume, um zu fragen: Was heißt das? Was will Gott uns in dieser Situation sagen? Ich bin überzeugt, dass die Lösung nicht in Vorschlägen liegt, für die wir lange gekämpft haben. Sondern es werden uns ganz neue Zugänge geschenkt werden, wenn wir offen sind und hören. Diese Zugänge finden wir nicht, wenn wir verkrampft für den einen oder anderen Lösungsvorschlag als Weg aus der Kirchenkrise streiten.

Für Christen sollte es doch nie zu spät sein. Oder sehen Sie das anders?

Werlen: Mir ist aufgegangen, dass die Heilige Schrift voll ist von Situationen, in denen es eigentlich zu spät ist. Wir sind in der Versuchung, diese Situationen nicht wahrzunehmen.

An welche Bibelstellen denken Sie?

Werlen: Zum Beispiel an den Karfreitag. Wir übergehen ihn gewöhnlich, indem wir sagen, ja, aber nachher kommt ja noch die Auferstehung. Dadurch nehmen wir die Situation der Jüngerinnen und Jünger nicht ernst. Für sie war der Aufbruch mit dem Mord an Jesus am Karfreitag definitiv vorbei. Das zeigt die Geschichte der Emmaus-Jünger deutlich. Sie hatten ihre Hoffnung auf Jesus gesetzt, und nun ist er als Verbrecher hingerichtet worden. Jetzt ist es zu spät! Wir verkünden nicht die Hoffnung, dass alles wieder so wird, wie es war, sondern eine Hoffnung, die durch alles trägt, auch durch den Tod. Dazu muss man aber erst einmal den Tod ernst nehmen. Übertragen auf die Kirche heißt das: Traditionen sterben lassen.

Welche Traditionen sollte man sterben lassen?

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Martin Werlen: Immer, wenn jemand sagt, eine Änderung liege nicht in der Kompetenz der Kirche, steigt die Frage nach der Unterscheidung von Tradition und Traditionen in mir auf. Betrifft unser Unbehagen das Glaubensgut, die Tradition, oder gewordene, menschengemachte Traditionen, die im Laufe der Geschichte wandelbar sind? Wir müssen den Mut haben, diese Traditionen loszulassen. Wenn die Amazonas-Synode 2019 den Pflichtzölibat aufheben würde und verheiratete Männer, viri probati, zum Priesteramt zuließe, wäre das ein sehr beeindruckender Schritt. Er hätte Vorbildcharakter für die ganze Kirche. Dabei beeindruckte mich umso mehr, dass dieses Vorbild von einer Region käme, die in unserer Wahrnehmung sonst eher am Rande steht.

Wie kann die Kirche eine Sprache finden, die wieder Brücken zu den Menschen baut?

Werlen: Ich bin ein suchender Anfänger. Für mich persönlich ist es das größte Geschenk, dass ich nicht Auto fahren lernte. So bin ich immer mit dem Zug oder per Autostopp unterwegs und komme zufällig mit Menschen in Kontakt. Erstaunlich ist, wie schnell man auf Glaubensfragen zu sprechen kommt, dies aber nicht in einer theologischen Sprache, sondern einfach im Gespräch über die Dinge, die mein Gegenüber beschäftigen. In diesen Gesprächen und Begegnungen ist Gottsuche konkret erfahrbar. Die Bettler in der Nacht, die mich eingeladen haben, mich zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu reden. Oder ein Flüchtling, der mir auf dem Handy die Fotos seiner Familie zeigt: In solchen Begegnungen merke ich plötzlich, Gott ist gegenwärtig.

Wie ist Gott da gegenwärtig?

Werlen: Vielleicht ist es das große Problem, dass wir meinen, Gott vorschreiben zu wollen, wir er gegenwärtig zu sein hat. Ein Beispiel: Vor einigen Wochen klingelte ein 23-jähriger obdachloser, völlig verwahrloster, schwer drogenkranker Mann an unserer Klosterpforte. Ich begleitete ihn dann einige Tage bis zum Antritt seiner zweijährigen Haftstrafe. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viel über das Leben gelernt wie von diesem jungen Mann, der nur mit einer Schlafmatte und einem Rucksack mit seinen sieben Sachen unterwegs war. Als Benediktiner, der versucht, in Armut und Schlichtheit zu leben, muss ich sagen: Es ist Christus, der uns in diesem jungen Mann begegnet und so vieles lehrt. Wir können an ihm vorbeigehen, unsere Türen verschlossen halten und darüber schimpfen, dass wir in einer gottlosen Welt leben. Wir sind es, die Christus nicht in unser Leben lassen. Das hat mich dieser junge Mann, der jetzt seine Gefängnisstrafe antritt, gelehrt.

Wie sieht Ihre persönliche Hoffnung für die Kirche der Zukunft aus?

Werlen: Wohltuend und spannend finde ich, dass auch der Papst nicht weiß, wie diese Hoffnung konkret aussieht. Miteinander müssen wir den Weg gehen, wie er das so verständlich und treffend in dem Lehrschreiben »Evangelii Gaudium« dargestellt hat. Er hat die Türen geöffnet, aber viele Bischöfe bleiben stehen, obwohl sich Perspektiven für eine synodale Kirche des Miteinander-Suchens auftun. Das bedrückt mich. Der Papst weiß, dass sich Gott in jedem Menschen äußern kann – in jedem, und nicht nur durch Getaufte. Das ist eine hoffnungsvolle Sprache des Aufbruchs, die offen ist für die Menschen.

Kommentare
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Georg Huber
05.04.201816:14
Ohne die Zuversicht von engagierten und einfühlsamen Frauen wäre es mit den Worten und Taten Jesu nicht nur zu spät gewesen, sondern einfach aus gewesen.
Was an seinem Beispiel konnte sich über die Bischofsideologie Igantius´von Antiochien und den Reichskirchenclou Konstantins retten, von Benedikt, Francesco d´Assisi und Mutter Teresa aus Kalkutta mal abgesehen?
Nicht hoffen, sondern wagen. Viele leben es still vor. Gott sei Dank!
Danke, Herr Werlen, zum Scheitern zu stehen. Das Scheitern des "neuen Israel" am Kalvarienberg war wahrlich keine Erfolgsgeschichte.
Paul Haverkamp
05.04.201814:22
Entscheidend ist für mich, ob Strukturen und rechtliche Institutionalisierungen in der kath. Kirche mit dem Geist Jesu Christi vereinbar sind, nämlich mit dem Geist der Liebe, des Dienens und der Solidarität mit den Ärmsten der Armen. Dienen die von Menschen im Laufe der Kirchengeschichte geschaffenen Gesetze und Institutionen den Menschen oder dienen diese dem Machterhalt der Institution Kirche? Das ist und bleibt für mich die entscheidende Grundsatzfrage für die Existenzberechtigung einer Kirche, die sich von ihren Wurzeln her auf Jesus Christus beruft. Ich glaube fest daran, dass, wenn die kath. Kirche wieder Gehör finden möchte, sie wieder zurückkehren muss zu den „jesuanischen Quellen“. Die Botschaft vom Reich Gottes, die Jesus den Menschen seiner Zeit in Gleichnissen, Parabeln und Bildern vor Augen geführt hat, muss heute wieder neu entdeckt und den Menschen der Gegenwart in einer heute verständlichen Sprache als Angebot zur Lebensgestaltung vermittelt werden.



Heidrun Meding
01.04.201816:56
Auch Martin Werlen zeigt leider nicht auf, wo und wie sich die Katholische Kirche massiv ändern sollte, um wieder glaubwürdig zu werden.
Er spricht von der möglichen Aufhebung des Pflichtzölibats. Warum fordert er dies nicht dezidiert?
Warum schreibt er von der Vatikanzeitung, die einmal monatlich von Frauen redigiert wird. Warum arbeiten diese Frauen nicht regulär als Redaktionsmitglieder für den Osservatore Romano?
Auch Herr Werlen macht viele Worte, um eigentlich gar nichts wirklich neues zu sagen. Dies alles bringt die Katholische Kirche nicht weiter, sondern lässt sie weiter in Richtung Sekte schrumpfen.
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