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Corona im Frühling

vom 28.03.2020
von Michael Kellner

Ich sitze am Küchentisch, lese Zeitung und höre Radio. Corona ist das alles und alle beherrschende Thema. Freunde und Freundinnen von mir haben Angst, ich habe Angst, und sicher nicht nur Angst vor der Grippe. Nein, wenn wir ehrlich sind, haben wir Angst vor dem Tod, der die Folge der Corona-Grippe nicht sein muss, aber sein kann. Er ist eigentlich der Hintergrund unserer Angst, es wird nur selten ausgesprochen. Die vielen Experten sorgen schon dafür, dass darüber die Decke der Wissenschaft, der verschiedenen Meinungen, Sorgen und Aufforderungen gestülpt wird. Das Thema Tod wird uns nur bewusst, wenn die Kurven der tödlichen Folgen von Corona gezeigt werden.

Ich sitze immer noch am Küchentisch und schaue zum Fenster hinaus. Die Wiese ist schon wieder grün, zunehmend zeigen sich Blumen in den schönsten Farben. Und vor mir tanzen die Vögel, singen, bauen Nester und spielen verrückt. Frühling! Auf einmal wird mir bewusst, dass Frühling ist. Die Erde wird wieder lebendig, bricht auf. Wir erleben eine neue Schöpfung, die jährliche Erschaffung unserer Erde, unseres kleinen Paradieses. Wir reichen uns gegenseitig die Äpfel, auch ohne Schlange, und es wird nicht lange dauern, da finden sich wieder viele neue Adams und Evas.

Komisch, mitten im Todesszenario plötzlich das Gegenteil, Geburt, Leben, Farben, Glück. Ich sitze zwischen Tod und Leben, und plötzlich überfällt mich ein starkes Glücksgefühl. Auch wenn ich weiß, dass viele Menschen nicht glücklich sind, dass ihnen das Glück vorenthalten oder weggenommen wurde – ich lebe, darf den Frühling erleben, bis jetzt, jedes Jahr. Und ich ertappe mich bei dem absurden Gedanken: Wenn ich gar nicht geboren wäre, gar nicht gelebt hätte! Mein Gott, was hätte ich verpasst! Wie viele glückliche Stunden habe ich erleben dürfen! Wie vielen wunderbaren Menschen bin ich begegnet! Wenn ich nicht gelebt hätte – nicht auszudenken, was ich verpasst hätte.

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Und dann wieder Corona. Das Radio bringt die neuesten Nachrichten, die Anzahl der Toten. Wer von uns will schon sterben? Und doch kann ich den Gedanken nicht verdrängen: Der Tod ist wohl der Preis dafür, dass wir leben, leben dürfen. Es gibt keine Ausnahmen. Ein harter Preis. Oft ein grausamer Preis. Wer hat sich das nur ausgedacht? Da verzweifelt sogar der Autor der biblischen Psalmen: »Wie schwierig sind für mich, o Gott, deine Gedanken, wie gewaltig ist ihre Zahl! Wollte ich sie zählen, es wären mehr als der Sand …« (Ps 139). Aber wenn ich noch einmal zu entscheiden hätte, ob ich leben wollte – wieder der absurde Gedanke, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen – ich würde es wieder tun, auch wenn dieser Preis so hoch ist. Vielleicht so hoch, weil unser Leben so großartig sein kann oder sein könnte.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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