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vom 09.09.2020
von Günther Schardt

Ob er (oder sie?), jedenfalls ob Gott sich das am Anfang gedacht hat, dass das einmal zum Problem werden könnte,
das Atmen?
Dass man sich einmal vor dem Atem anderer schützen muss?
Und andere vor dem eigenen Atem?
Dass der Atem, der uns ja irgendwie mit allen Lebewesen verbindet,
zum Einfallstor von Krankheit und Tod werden kann?
Der Atem prägt unser ganzes Leben,
vom ersten Schrei eines Neugeborenen
bis zum letzten Atemzug eines Sterbenden.
Wer lebt, atmet,
nur Tote atmen nicht.
Atmen, das heißt einatmen und ausatmen,
Menschen atmen, Tiere atmen, Bäume atmen.
Ein und aus, Spannung und Entspannung
im immer wieder gleichen Rhythmus.
Da gibt es den langen Atem der Hoffenden
und die Kurzatmigkeit der Geängsteten.

Der Atem kommt nicht aus uns selbst.
Er wurde uns eingehaucht, geschenkt,
uns und allem Leben.
Der Atem kommt vom göttlichen Urgund des Seins,
von Gott.
Ohne Atem kein Leben.
Ohne Gott kein Leben.
Odem, Hauch, Ruach, Pneuma, Spiritus, Geist,
das ist es, was uns Menschen ausmacht.
Von der weiblichen Ruach im alten Israel
über das neutrale Pneuma in Griechenland
bis zum männlichen Spiritus in Rom
wurde der Geist im Laufe der Jahrhunderte
immer männlicher,
und männliche Hierarchien meinen,
dass allein sie ihn verwalten.
Aber das nur nebenbei.
Der Geist, etwas, das uns von Gott eingehaucht wurde.
Und wenn der Atem von Gott kommt,
dann atmet auch Gott
und mit ihm seine ganze Schöpfung.

Gott ist Geist,
Gott ist Ruach,
Gott ist Atem,
Einatmen und ausatmen,
nichts Starres, Unbewegliches,
sondern pulsierendes Leben.
Nur einmal hat dieser Atem ausgesetzt.
Und die ganze Schöpfung hat den Atem angehalten.
Die Erde hat gebebt,
die Sonne sich verfinstert.
Nach dem Todesschrei:
»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«
Die Menschen hatten den Menschensohn, den Gottessohn,
Gott, die Liebe getötet.
Aber dann kam der dritte Tag:
Der Atem setzte wieder ein,
das Leben kehrte zurück:
Auferstehung.

Und fortan breitet er sich aus:
Der Atem der Hoffnung,
der Geist der Liebe, der Kraft und der Besonnenheit.

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Aber jetzt – jetzt wird der Atem zum Problem.
Er kann infizieren.
Er kann Keime in sich tragen,
Keime des Todes.
Ich kann am Atem anderer sterben.
Und andere an meinem Atem,
wenn ich infiziert bin.

Ob er (0der sie?) sich das gedacht hat, dass der Atem einmal zum Problem werden könnte?
Ich weiß es nicht.
Was ich aber weiß,
dass ich ohne diesen Atem nicht leben kann.
Und so will ich fröhlich und dankbar
einatmen und ausatmen.
Dankbar mit jedem Atemzug
für die Luft und das Leben,
das mir geschenkt wurde.
Behutsam und achtsam auf die schauen,
die auch von diesem Atem leben,
von dem Atem Gottes,
und mit denen ich durch diesen Atem verbunden bin,
die Menschen um mich herum und in der Ferne,
meine Freunde und meine Feinde,
die Tiere und die Pflanzen,
seine ganze Schöpfung.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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