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vom 08.06.2020
von Peter-Paul Ernst, Düsseldorf

»Die Liebe in Zeiten von Corona«: Dieses Motto möchte ich nutzen, um über meine gegenwärtige Befindlichkeit zu schreiben. Ungewohnt war, dass die Regierung innerhalb weniger Wochen Wirtschaft und das öffentliche Leben drastisch einschränken konnte. Dauerte es sonst doch immer reichlich lange, bis regulierend in das Marktgeschehen eingegriffen wurde. Beim Ausstieg aus der Atomenergie, dem Abschalten von Kohlekraftwerken und Sanktionen für betrügerische Machenschaften bei der Automobilindustrie dauerte es beispielsweise Jahre beziehungsweise Jahrzehnte bis zur Durchsetzung demokratischer Forderungen.

Als Ruheständler gehöre ich zwar zur Risikogruppe der von Krankheitserregern bedrohten Menschheit, bin aber zum Glück weder materiell noch sonst wie betroffen. Deshalb habe ich die Entschleunigung des alltäglichen Lebens anfangs sogar als positiv empfunden. Weniger draußen zu sein heißt, mehr Zeit im Häuslichen zu haben. Als ich mein Foto-Tagebuch aktualisiert hatte, stieß ich im Regal auf einen Ordner mit der Beschriftung »Meine Zeit« und »Literarisches«. Darin habe ich meine Notizen, Geschichten und Beschreibungen aus vielen zurückliegenden Jahren gesammelt. Hier eine kleine Auswahl:

1. Da fand ich eine Gottesdienstklage von 1980, in der ich über den Einzug von Computern im Büroalltag sprach, die bei älteren Arbeitnehmern Verunsicherung auslösten. Kaum zu glauben, vor 40 Jahren herrschte schon Angst um Arbeitsplätze, wegen Rationalisierungsmaßnahmen.

2. Angeregt durch das Gedicht »Schweinekopfsülze« von Günter Grass, schrieb ich 2003 eines mit dem Titel »Pikante Sauerkrautsuppe«. Darin werden zahlreiche Zutaten wie in einem Schöpfungsakt auf ironische Weise in einem Suppentopf zu schäumender Wut aufgekocht, zum Schluss dann aber schweigend aufgegessen.

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3. 2005 folgte eine szenische Erinnerung an meine lange zurückliegende Werkzeugmacherlehre. Damals buhlte ich bei meinen Kollegen um Anerkennung, nahm eine Tomate in der Mittagspause und warf sie durch eine schmale Gasse auf den sauberen Betriebshof. Die Möglichkeit, dass jemand von dem Ding getroffen werden könnte, war gering. Wie das Schicksal es aber wollte, kam in diesem Moment mein Betriebsleiter schnellen Schrittes in die Durchfahrt und wurde voll auf der Brust getroffen. Weil er in Eile war, raste er fluchend an mir vorbei mit den Worten: »Wir sprechen uns morgen!« Ich rechnete mit dem Schlimmsten, aber es passierte nichts. Ich habe meinen Lehrmeister im Verdacht, der heldenhaft für mich gestritten haben muss. Vielleicht siegte am Ende die verborgene Komik, die der Geschichte anhaftete.

Der Fundus von Anekdoten der Vergangenheit ist reichlich angewachsen und würde zu viel Platz einnehmen, deshalb breche ich hier ab, spinne aber weiter, denn wer weiß, wie lange die unverhoffte Entschleunigung noch anhält.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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