Religiöse Dichtung
Wie Nelly Sachs zur Krippe kam ...
Was wäre Weihnachten ohne Sehnsucht? Doch je größer die Sehnsucht, desto größer die Fantasie, die Gefahr von Überformung und Vereinnahmung. Die Geschichte der Theologie weiß ein Lied davon zu singen. Ochs und Esel zum Beispiel kamen ja nur zur Krippe, weil man das Alte auf das Neue Testament hin deutete. Auch das Werk von Nelly Sachs, der großen jüdischen Dichterin der Sehnsucht, ist vor weihnachtlichen Umformungen nicht gefeit. Unter ihrem Namen wurde in Publik-Forum 22/2025 ein Gedicht abgedruckt, das höchstwahrscheinlich gar nicht von ihr stammt. Und das kam so: Helmut Jaschke, Co-Autor des Publik-Forum-Weisheitsletters, fand ein Gedicht, das ihn zu einer Interpretation inspirierte. Es trägt die berühmten Worte »Alles beginnt mit der Sehnsucht« im Titel und enthält die bemerkenswerte Zeile: »Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?« Als Autorin wurde Nelly Sachs angegeben, als Quelle ein Gedichtband, veröffentlicht bei Suhrkamp im Jahr 1977. Wir fragten also beim Suhrkamp-Verlag um eine Abdruckgenehmigung für dieses Gedicht an, welche wir zum Preis von 147,66 Euro auch erhielten. Zwar blieb die christologische Zuspitzung nicht unbemerkt, doch schien sie nicht völlig unplausibel zu sein. Heißt es doch in Nelly Sachs’ »Gebeten für den toten Bräutigam« von 1947: »Vielleicht aber gebraucht Gott die Sehnsucht, wo sollte sonst sie auch bleiben / […] / Vielleicht ist sie das unsichtbare Erdreich, daraus die glühenden Wurzeln der Sterne treiben / […]«
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