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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2017
Was Menschen wirklich brauchen
Ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa über die Sehnsucht nach Resonanz
Der Inhalt:

»Er war unser Mann«

von Thomas Seiterich vom 22.12.2017
Heinrich Böll wäre jetzt hundert Jahre alt geworden. Der Nobelpreisträger war auch radikaler Christ – und Unterstützer von Publik-Forum

Er war unser Mann«, sagt Harald Pawlowski über Heinrich Böll. Wenn der Gründer und langjährige Chefredakteur von Publik-Forum über den deutschen Schriftsteller und Nobelpreisträger spricht, der am 21. Dezember dieses Jahres hundert Jahre alt geworden wäre, glänzen seine Augen: »Böll hat auf seine sehr persönliche wie auch etwas einzelgängerische Weise immer zu uns gehalten«, erinnert sich Pawlowski. »Das war wichtig im Gegenwind, der uns politisch wie kirchlich von rechts ins Gesicht blies.«

Mit Gegenwind kannte Böll sich aus: Er kritisierte CDU-Kanzler Adenauer, später, 1968, die Notstandsgesetze, er forderte Humanität auch für die RAF-Täter. Dafür wurde er auf das Übelste angegriffen. Im ZDF nannte ihn Gerhard Löwenthal »einen Sympathisanten des Linksfaschismus«. Die Quick schrieb: »Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof«, und die Polizei durchsuchte sein Haus in der Eifel.

Der Kölner Schriftsteller Heinrich Böll war zutiefst geprägt von dem so frommen wie freimütigen rheinischen Katholizismus, den seine Eltern praktizierten. Im Zweiten Weltkrieg war diese Frömmigkeit für ihn eine Energiequelle der Menschlichkeit: »Nun bin ich fast zehn Stunden Posten gestanden in der Hitze«, schreibt er als junger Wehrmachtssoldat aus dem besetzten Frankreich. »Obwohl ich nun schon Tage fast ohne Schlaf und unsagbar müde bin; bin ich glücklich, weil ich eine Messe gehört und kommuniziert habe, ach, nie im Leben hätte ich gedacht, dass mir eine Messe so kostbar werden könnte.«

Stets verteidigt der »Radikalchrist«, wie Pawlowski ihn nennt, Glauben und Trostbedürfnis der sogenannten »kleinen Leute«. Und er rebelliert im Namen eines liebenden Gottes gegen kalte, gesetzesförmige Kirchlichkeiten im Nachkriegsdeutschland, in dem die Verbrechen des Dritten Reiches verdrängt wurden. Dafür stehen der frühe Roman »Und sagte kein einziges Wort« von 1953 oder die »Ansichten eines Clowns« von 1963. Literarisch macht Böll etwas Ungewöhnliches: Er baut den Rhythmus der liturgischen Gebete und die katholische Sakramentenpraxis in seine Texte ein. »Der du für uns zur SA gegangen bist«, formuliert Böll in der Sprache des Rosenkranzgebetes den Dank an seinen Bruder, der die Familie Bölls vor den Nazis schützte, indem er pro forma der SA beitrat. In einer Geschichte beschreibt er den Kapitalismus der Nachkriegszeit in Form einer Beicht

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