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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2018
Letzte Zuflucht
Die Christen und der Staat: Das Ringen ums Kirchenasyl
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Wow, gewuppt«

von Bettina Röder vom 07.12.2018
Astrid Gutke (53) ist Verkäuferin mit Leidenschaft. Trotzdem hat sie Stress. Das liegt nicht allein am Weihnachtsrummel

Uff. Geschafft! Es ist kurz nach 21 Uhr, und ich bin gerade aus Soltau gekommen, habe alles aufgeräumt und unser Geschäft abgeschlossen. Draußen ist es kalt, aber das ist kein Problem. Zwanzig Minuten brauche ich mit meinem kleinen Auto, bis ich zu Hause bin. Meine Wohnung liegt in Bergen. In Soltau könnte ich mir keine leisten, die sind dort zu teuer. Da käme ich mit meinem Gehalt nicht über die Runden.

Ich arbeite bei einem Unternehmen im Outlet. Das heißt, ich verkaufe Hemden und Blusen aus der Vorsaison, die mit einer Preisminderung angeboten werden. Das Outlet in Soltau hat etwa vierzig einzelne Geschäfte. Aufgebaut sind sie wie ein kleiner Ort mit einem großen Parkplatz an der Autobahn 7 zwischen Hannover und Hamburg.

Natürlich, die Stunden, den Stress merke ich jetzt schon. Wir sind zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich bin als stellvertretende Filialleiterin tätig. Also auch für die Organisation zuständig und all den Bürokram, für den es keine Extrakraft gibt. Und dann ruft morgens eine Kollegin an, ist krank. Da muss ich in Windeseile den Personalplan umschmeißen. Dann kommt womöglich noch eine große Warenlieferung. Und dann noch eine Verkaufsaktion, die unsere Firma fährt.

Wir haben vier Mal ein offenes Wochenende. Ein »Crazy Weekend«. Man ist davor schon ein bisschen verrückt. Weil wir dann besondere Angebote machen. Die Ware bekommen wir aus der Zentrale geliefert, müssen sie auspreisen, die Rotpreise draufkleben. Und wie in allen Geschäften ist die Personaldecke dünn. Das heißt, dass wir meistens aus dem letzten Loch pfeifen. In der vergangenen Woche, da war Black Friday. Meine Chefin war zu einer Schulung. Ich habe durchgearbeitet, ohne freie Tage. Das geht nicht mehr spurlos an mir vorbei. Ich bin keine dreißig mehr.

Und doch: Ich liebe meinen Beruf. Das merke ich besonders, weil ich viele Jahre nicht als Verkäuferin gearbeitet habe. Wegen meiner Kinder, zwei Töchter, die heute 27 und 30 Jahre alt sind. Und wegen der Pflege meiner Eltern. Ich habe für eine Hamburger Firma im Homeoffice Bürotätigkeiten gemacht. Ich habe da gesessen und die Wand angestarrt. Und gedacht: »Boah, das macht mich kirre.« Nun habe ich das Glück, ich bin wieder in meinem alten Beruf gelandet. Damit hatte ich gar nicht mehr gerechnet.

Ich brauche das, mich fasziniert es, mit Menschen zu arbeiten. Ich liebe es, wenn die Ku

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