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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2018
Letzte Zuflucht
Die Christen und der Staat: Das Ringen ums Kirchenasyl
Der Inhalt:

Der Unschuldige

von Lea Wagner vom 07.12.2018
Vor zwei Jahren starben beim Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz zwölf Menschen. Zunächst wurde der Falsche festgenommen: Naveed Baloch. Sein Name und sein Bild gingen um die Welt. Wie es ihm heute geht, will niemand wissen

Es ist der 19. Dezember 2016. In Pakistan sitzen ein Mann und eine Frau in ihrem Wohnzimmer, der Fernseher läuft noch. Ihr Tag war lang, die Arbeit auf dem Feld anstrengend. Das Ehepaar hat neun Kinder, fast alle sind Analphabeten. Plötzlich flackert ein Gesicht über den Bildschirm: ein schwarzhaariger junger Mann mit Segelohren. Er hat scheue, aber gutmütige dunkle Augen, buschige Augenbrauen und eine markante Unterlippe. Der Nachrichtensprecher sagt: »Belutschischer Terrorist in Berlin festgenommen.« Die Frau murmelt: »Lieber Gott, mach, dass das nicht wahr ist.« Es ist ihr Sohn.

Naveed Baloch ist zu dem Zeitpunkt 23 Jahre alt. Seit gut zwei Jahren hat seine Familie ihn nicht gesehen. Überstürzt, ohne Gepäck, war er eines Morgens aufgebrochen, nachdem der pakistanische Geheimdienst sein Elternhaus durchsucht hatte. Kurz zuvor waren ein Onkel und ein Cousin ermordet worden, vermutlich vom Geheimdienst. Sie waren in einer Partei, die friedlich für die Unabhängigkeit von Belutschistan kämpft. Baloch ist in derselben Partei, dem Baloch National Movement.

Das alles erzählt er im August 2017 in einem Berliner Café. Das Treffen zustandezubringen war schwierig, denn eigentlich ist Baloch untergetaucht – noch acht Monate, nachdem eine Verwechslung sein Leben veränderte.

Baloch kommt aus Belutschistan, einem Land, das kein Staat ist, aber gern einer wäre. Belutschistan erstreckt sich über Teile von Pakistan, Iran und Afghanistan. 22 Millionen Belutschen gibt es weltweit. Belutschistan war bis 1947 unter britischer Kolonialherrschaft, erklärte danach seine Unabhängigkeit, wurde aber 1948 von Pakistan annektiert. Seitdem kämpfen die Belutschen darum, wieder unabhängig zu sein. Belutschistan gilt als Armenhaus Pakistans. Balochs Leben als Hirte war einfach, aber das störte ihn nicht. Er strahlt, wenn er von den Picknicks mit seinen Freunden erzählt, in den Bergen, wo sie ein Lamm schlachteten, es über dem Feuer rösteten, Bier tranken und Musik hörten. Dieses Leben ist so weit weg. Anders als dieser verhängnisvolle Tag, der 19. Dezember 2016. Der ist ganz nah.

Mit Blaulicht zur Polizeiwache

An diesem Wintermorgen hat Baloch den ganzen Tag Schlange gestanden am Landesamt für Flüchtlinge, um wie jeden Monat sein Geld abzuholen, 160 Euro. Am Abend trifft er Freunde

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