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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2011
China global
Eine kapitalistische Diktatur erobert die Welt
Der Inhalt:

Die Stimme der Opfer

von Thomas Schneider vom 04.05.2012
Mabrouka ist eine junge Journalistin in Tunesien. Als in ihrem Heimatland die Revolution begann, nahm sie ihre Kamera und ging dorthin, wo Menschen verfolgt und erschossen wurden

Vor ein paar Wochen, am Flughafen, war es wieder einmal so weit: Mabrouka will ihre Kamera aufbauen, da blökt sie einer von hinten an: »Mädchen, was hast du hier verloren? Verzieh dich!« Wenn Mabrouka Khedir auftaucht, haben Männer ein Problem. Nicht alle, aber viele: Sie wissen nicht, wie sie sie anschauen sollen: Respektvoll? Misstrauisch? Überrascht meistens, verunsichert oft - aber anschauen müssen Mabrouka alle, denn sie ist eine ungewöhnliche Erscheinung: Eine junge Frau mit einer Fernsehkamera auf der Schulter, das gibt es nicht oft in Tunesien. Wenn Journalisten, was häufig vorkommt, im Rudel auftreten, entsteht ein Gedränge um den besten Platz für das beste Bild. Dann kann Mabrouka die Ellbogen ausfahren, das gehört zu ihrem Handwerk. Und wenn ein Mann, meist ein älterer, die Frau mit der Kamera verscheuchen will, wird Mabrouka auch mal laut. Aber meistens behauptet sie ihren Platz mit einem Lächeln.

In diesem Jahr hat sie viele solche Situationen erlebt. Denn 2011 begann in ihrer Heimat Tunesien mit einer Revolution: Fast 25 Jahre lang hatte der Diktator Ben Ali in dem Land geherrscht, häufte unglaubliche Reichtümer für sich und seine Familie an, ließ seine Gegner ins Gefängnis werfen und foltern. Doch dann gingen vor allem die jungen Leute auf die Straße. Sie forderten Meinungsfreiheit, ein Ende der Ungerechtigkeit und vor allem, dass der Diktator sich zum Teufel scheren solle. Das war unglaublich, weil sich zuvor viele Jahre lang niemand getraut hatte, so etwas öffentlich zu sagen. Aber die Zeitungen, die Fernseh- und Radiosender in Tunesien berichteten darüber nicht. »Ich saß zu Hause«, erzählt Mabrouka, »telefonierte mit Leuten überall im Land und hörte immer neue Geschichten von den Protesten. Das machte mich traurig. Denn ich wusste, da riskieren gerade junge Leute wie ich ihr Leben, und meine Aufgabe wäre es, ihnen eine Stimme zu geben. Aber das tue ich nicht. Wozu bin ich dann überhaupt Journalistin geworden?«

Es war damals in Tunesien wie in vielen Ländern der Welt: Regierungen, die ihr Volk unterdrücken, sorgen mit allen Mitteln dafür, dass Journalisten an der Arbeit gehindert werden. Um die Hauptstadt Tunis, wo sie lebt, zu verlassen und aus einem anderen Teil des Landes zu berichten, brauchte Mabrouka eine Genehmigung der Regierung. Inzwischen häuften sich die Gerüchte über Polizisten, die die jugendlichen Demonstranten schlugen und auf sie schossen. Am 10. Januar fasst Mabrouka einen Ents

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