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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2019
Die Zerreißprobe
Die Theologen Nikolaus Schneider und Dietmar Mieth hatten eine klare Haltung ...
Der Inhalt:

Vorgespräch: Wie schauen Blinde Kunst an?

von Markus Dobstadt vom 22.11.2019
Fragen an Julia Greipl, die Führungen im Museum Ludwig in Köln für blinde und sehbehinderte Menschen anbietet

Publik-Forum: Frau Greipl, Sie führen neuerdings blinde Menschen durchs Museum Ludwig. Was hat man von Kunst, wenn man sie nicht sehen kann?

Julia Greipl: Sehr viel. Zunächst schaffen wir uns eine gemeinsame Basis. Ich beschreibe das Bild sehr genau. Dann steigen wir in Deutungen und Hintergründe ein. Daraus entwickeln sich schnell Gespräche, die erst noch im Bild bleiben, aber dann in andere Lebensbereiche übergehen. Das ist auch das Ziel meiner Führungen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Greipl: Wir betrachten etwa großformatige Fotografien des Künstlers Thomas Struth, die Mitglieder einer Familie in ihren eigenen Räumen zeigen. Nachdem ich die Bilder beschrieben habe, sind wir schnell beim Thema »eigene Familie«. Mein Ziel ist es, dass sich die Besucher von der Kunst berühren lassen und von sich selbst erzählen. Ich stoße Gespräche an, aber dann moderiere ich sie nur noch.

Das klingt, als würden diese Gespräche manchmal auch sehr persönlich …

Greipl: Ja, einmal haben wir über das Bild »Rusalka« der russischen expressionistischen Künstlerin Natalia Goncarova gesprochen. Eine Nymphe sitzt auf dem Meeresboden, sie ist sehr blass und hat große, weit aufgerissene Augen. Nachdem ich das Bild beschrieben habe, wird es still. Dann meldet sich eine Besucherin und sagt: »Ich weiß jetzt, warum ich das Bild als so bedrohlich empfinde. Ich hatte als Kind eine Nahtoderfahrung, ich war ins Wasser gefallen und kurz vor dem Ertrinken.« Und dann fängt sie an, davon zu erzählen. Andere berichten von eigenen Grenzerfahrungen. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob sie sehen können oder nicht.

Lassen sich blinde Menschen vielleicht sogar mehr von Kunst berühren als sehende?

Greipl: Es ist tatsächlich nicht immer ein Vorteil, sehen zu können. Gerade weil wir sehen, lassen wir uns vielleicht nicht so sehr emotional auf Kunst ein. Das ist aber ihr Kern. Ich will weg von einer Haltung, die Kunst konsumiert, nach dem Motto: Jetzt habe ich auch den Picasso gesehen und kann das abhaken.

Kommen auch Sehende zu den Führungen?

Greipl: Wer sich anschließen möchte, ist willkommen. Ich vermittle dabei auch Wissen über Kunstwerke, wie

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