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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2019
Die Zerreißprobe
Die Theologen Nikolaus Schneider und Dietmar Mieth hatten eine klare Haltung ...
Der Inhalt:

Kolumne von Katharina Müller-Güldemeister: Die Pilze und das Glück

vom 22.11.2019

In diesem Herbst habe ich meinen ersten Pilz gesammelt. Ein Erweckungserlebnis, auch wenn das ein sperriges Wort ist für dieses wunderschön leichte, euphorisierende Gefühl. Ich ging mit meiner Tante im Wald spazieren und da stand er: mit prächtigem Schirm, auf stolzem Stiel.

Ich kenne mich mit Pilzen nicht aus. Bisher hatte ich viel Respekt vor ihnen. Genauso wie vor den Menschen, die die giftigen und ungenießbaren von den essbaren unterscheiden können. Mein Onkel musste sich nach einem Mittagessen aus selbst gesammelten Pilzen den Magen auspumpen lassen, anschließend lag er zehn Tage im Krankenhaus. Vielleicht erklärt das meine Scheu.

Dieser Pilz aber, er rief nach mir. Ich ging ein Stück in den Wald hinein. Ein wirklich schöner Pilz. »Weißt du, was das für einer ist?«, fragte ich meine Tante. »Schau mal, ob er einen Ring am Stiel hat, dann ist es ein Parasol.« Er hatte einen Ring unter dem samtigen, mit ein paar Schuppen bedeckten Schirm, und ich wurde ganz aufgeregt. Von Parasolen hatte ich gehört. »Paniert schmecken sie besser als Schnitzel«, hatte man mir erzählt. Und hier stand dieses Schnitzel jetzt einfach so herum. Ein Geschenk des Waldes. Ich musste es nur noch mitnehmen.

Plötzlich beherrschte mein Jagdfieber den Spaziergang. Meine Tante und ich überlegten, wie wir ihn zubereiten würden. Gleichzeitig spähte ich zur rechten Seite in den Wald und trug ihr auf, linksseitig des Weges Ausschau zu halten. Tatsächlich fand ich zwei weitere Parasole, die in mir eine Freude auslösten, die mich an meine Kindheit erinnerte. Die modrig riechenden Etwasse hätten mich damals zwar nicht interessiert – niemals hätte ich die essen wollen. Doch abgesehen davon war die Welt so voll von aufregenden Überraschungen, die sich offenbarten, wenn man die Augen aufhielt.

Ein grasendes Reh etwa, das man vom Zug aus entdeckte. Oder ein paar junge Schwalben, die mitsamt dem Nest heruntergefallen waren. Als Erste-Hilfe-Maßnahme erschlugen meine Schwester und ich sämtliche Fliegen im Haus, um sie in ihre aufgesperrten Schnäbel zu stecken. Und weil sie danach immer noch hungrig waren, gruben wir den Garten nach Regenwürmern um.

Plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl, von niemand anderem als dem Leben selbst beschenkt zu werden. Glückselig trug ich die drei Parasole ins Haus meiner Tante. Wir entschieden uns, sie nur in Butter

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