Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2019
Die Zerreißprobe
Die Theologen Nikolaus Schneider und Dietmar Mieth hatten eine klare Haltung ...
Der Inhalt:

Dienstags ... am
Kiosk: Häuptling Offenes Ohr

von Bernd Müllender vom 22.11.2019
Im Euro-Kiosk in Aachen bietet der Pächter Orhan Aras Zigaretten, Schokolade, Bier und seelische Unterstützung an

Wen Orhan Aras kennt, und das sind viele hier, der kommt nicht unbemerkt an ihm vorbei. »Hallo«, winkt er am frühen Morgen von seinem kleinen Laden herüber: »Was macht Peter, den hab ich lange nicht gesehen?« Auch im Kiosk selbst wird jetzt schon munter geplaudert: »Hallo Schatzi«, grüßt eine Kundin die Mitarbeiterin an der Theke, »wie isset?« Die beiden Frauen umarmen sich kurz, die Kundin bestellt »’ne Packung Zijaretten, die müssen sein« und noch schnell einen Kaffee zum Frühschwätzchen. Der nächste Kunde braucht was Süßes, ein anderer »Cola und zwei Dosen Bier für später«. Der »Euro-Kiosk« am Aachener Dreiländereck ist ein Taubenschlag. Von morgens halb sieben bis abends um zehn, manchmal auch länger.

Wie ein weiß getünchtes U-Boot mit abgerundeten Seiten thront Orhans Kiosk ein paar Stufen oberhalb einer vielbesuchten Bushaltestelle. So schwungvoll baute man 1950, noch vor den Zeiten von quadratisch, praktisch, billig. »Euro-Kiosk« steht in Leuchtschrift über dem Eingang, und zwei Leuchttafeln grüßen dreisprachig: »Herzlich Willkommen. Hartelijk Welkom. Bienvenue«.

Besonders ist dieser Laden vor allem wegen seines Inhabers: Orhan Aras, 57, geboren in der Türkei, ist seit Jahrzehnten mit seiner Familie in Deutschland. Er hat das Häuschen Anfang der 1990er-Jahre von der Stadt gepachtet, es umgebaut und renoviert. »Ich will Menschen zusammenbringen«, sagt er in seiner ruhigen Art, »wir leben zusammen, dann müssen wir uns auch kennen und miteinander auskommen. Herkunft, Religion, Nationalität, Beruf – das ist doch alles egal.« Seine Kunden nennen ihn »Häuptling Offenes Ohr«, Streetworker, Sozialarbeiter oder schlicht »Die gute Seele vom Vaalserquartier«. In Orhans Kiosk ist jeder willkommen, »nur Rassisten und Faschisten nicht«. Und benehmen müssten sich alle: »Wenn hier draußen einer herumspuckt, sag ich ihm, er soll das lassen. Macht er weiter, kann er bitte gehen.« Rehabilitierung möglich: »Aber alle haben auch die Chance, sich später zu entschuldigen.«

Dass es hier so gut läuft, liegt vor allem an Aras’ Art: Offene Karten, keine versteckten Gefühle, nichts verschweigen, immer sagen, was Sache ist. Die Menschen spüren, dass sie ihm vertrauen können. Nachbar Alex, gut achtzig Jahre alt, sagt: »Freundlicher und hilfsbereiter als Orhan geht nicht.« »Der kennt alle«, hat ein Stammgast mal gesagt, »der kennt sogar Gott.«

Das Prinzip Nähe ge

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen