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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2019
Die Zerreißprobe
Die Theologen Nikolaus Schneider und Dietmar Mieth hatten eine klare Haltung ...
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Einsiedlerin auf Zeit

von Gunhild Seyfert vom 22.11.2019
Ina Hohenstein zieht sich zweimal im Jahr in eine abgelegene Hütte zurück

Zweimal im Jahr gehe ich in die Stille und lebe als Einsiedlerin. Es ist eine wichtige Übung für mich auf meinem Weg mit dem Herzensgebet. Meine ersten Erfahrungen mit Stille machte ich schon vor dreißig Jahren, während meiner Ausbildung zur Feldenkrais-Lehrerin. Damals erschien es mir wie Zauberei: Ich wurde ruhig, kam in Frieden und fühlte mich in Kontakt mit meinem Körper. Später erst habe ich gehört, dass man das Stille nennt.

Im Sommer lebe ich zwei Wochen lang in einer kleinen abgelegenen Hütte ohne Strom und fließendes Wasser. Die Hütte liegt im Elsass. Sie gehört zu einem kleinen Dorf in einem engen Tal, wo in einer ehemaligen Mühle ein Haus für das Herzensgebet entstanden ist. Dort lebt meine Lehrerin. Sie widmet sich ganz der Aufgabe, Menschen auf dem Weg mit dem Herzensgebet zu begleiten. Meine Hütte hat nur einen Raum, darin sind der Gebetsplatz vor einer Ikone und einer Kerze, ein schmales Bett, der Ofen und ein Regal für Lebensmittel.

Morgens klingelt der Wecker schon vor fünf Uhr. Was ich beim Aufwachen noch mitbringe aus der Nacht, was mir als Erstes in den Sinn kommt, dafür habe ich nun eine Viertelstunde Zeit, es zu bedenken oder dazu etwas zu schreiben. Um fünf Uhr mache ich mich frisch, bete und meditiere in der Stille. Jeder Tag während der Einkehr hat einen festgelegten Ablauf. Das ist eine große Hilfe, um mich immer wieder zu sammeln. Morgens in der Frühe gehe ich eine Stunde im Gebet spazieren, danach ist eine weitere stille Gebetszeit zu einem Wort aus der Bibel. Um 8.30 Uhr mache ich Frühstück, Frischkornbrei mit etwas Obst und Sahne.

Auch praktische Arbeit gehört zur Einkehr. Ich mache die Hütte gründlich sauber, hole Wasser, arbeite im Garten. Dabei wiederhole ich bei allen Arbeiten fortwährend mein heiliges Wort wie ein Mantra. Mittags bereite ich für mich Gemüse mit Reis und ein wenig Käse. Alle Lebensmittel für die beiden Wochen muss ich selbst mitbringen. Nachmittags ist dann die Zeit für zwanzig Minuten Gespräch mit meiner Lehrerin. Ihr kann ich erzählen, was mich bewegt und wo ich steckenbleibe, wie ich mich fühle und auch, wenn ich nicht mehr sitzen kann. Ich komme immer an viele alte Geschichten, wenn ich alleine ohne Ablenkung bin. Die Beziehung zu meinen Eltern war ein wichtiges Thema für mich. Sie waren von den Folgen des Krieges und vom Überleben gezeichnet. Viel Vergebungsarbeit war notwendig. Mittlerweile verstehe ich, das

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