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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2018
Gott, mein Therapeut
Religion stärkt. Aber warum?
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Unter Beschuss«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 23.11.2018
Der Pfarrer James Gong lebt im Westen Kameruns, wo ein blutiger Bürgerkrieg seinen Lauf nimmt. Er fürchtet um sein Leben

Wir sind unter Beschuss. Jetzt gerade, während ich mit Ihnen spreche. Die Soldaten der Armee sind seit ein paar Tagen mitten in meiner Stadt Ndop und liefern sich Gefechte mit den Rebellen. Wir trauen uns nicht aus dem Haus, es ist zu gefährlich. Sie können sich nicht vorstellen, was die Regierungstruppen hier anrichten! In den vergangenen Wochen haben sie wahllos Menschen erschossen, sind in Häuser eingedrungen und haben ganze Dörfer niedergebrannt. Ich liege hier auf dem Boden, denn draußen fallen Schüsse. Es gibt genug Menschen, die sogar in ihrem Haus getötet wurden von Gewehrkugeln. Ich habe so Angst.

Sonntagmorgen ging es los, gegen 8.30 Uhr, wir hatten uns gerade fertig gemacht, um in die Kirche zu gehen. Ich bin ja Pfarrer. Ich hatte meinen kleinen Sohn losgeschickt, um uns ein Mofa zu besorgen, das uns zur Kirche bringen würde. Er kam zurückgerannt und rief: »Die Kämpfer sind da!« Es war Markttag, die Frauen erledigten gerade ihre Einkäufe. Plötzlich herrschte Chaos, Frauen und Kinder liefen wild durcheinander und ließen alles zurück. Panik! Wenige Wochen vorher haben sie in Ndop, meiner Stadt, einen jungen Priesteranwärter vor der Kirche erschossen. Auch die Kinder meines Cousins hat das Militär getötet.

Seit September werden die Kämpfe zwischen der Armee und den Separatisten, den Amba-Fighters, immer heftiger. Die Regierung sagt, die Amba-Fighters seien Terroristen. Aber das stimmt nicht. Sie verteidigen uns! Hier im anglophonen Teil des Landes werden wir unterdrückt und die Armee geht brutal gegen uns vor. Vor denen fürchten wir uns, nicht vor den Amba-Boys! Seit die Separatisten letztes Jahr symbolisch den Staat »Ambazonien« ausgerufen haben, um mehr Rechte für uns, die englischsprachige Bevölkerung, zu fordern, spitzt sich die Lage zu. Die Regierung will, dass wir französisch werden, so wie sie. Nach der Wiederwahl des Präsidenten im Oktober ist es eskaliert. Für die Kinder ist das besonders schlimm. Seit September ist keine Schule in Ndop mehr offen, es ist zu gefährlich. Sie haben vielleicht mitbekommen, dass sogar Schulkinder entführt wurden. Wie soll das nur weitergehen?

Hören Sie die Schüsse? Sie sind jetzt direkt vor unserem Haus. Letzte Nacht haben sie ein Nachbarviertel niedergebrannt. Vielleicht ist unser Haus als nächstes dran, vielleicht überleben wir diesen Tag nicht. Es liegt an der Gnade Gottes.

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