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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2018
Gott, mein Therapeut
Religion stärkt. Aber warum?
Der Inhalt:

Dienstags ... in der
Telefonseelsorge: Die Stimme, die immer auf Draht ist

von Eva-Maria Lerch vom 23.11.2018
Sie sind rund um die Uhr für die Verzweifelten da, arbeiten unter Decknamen – und brauchen jede Menge Schokolade. Ein Besuch bei der Telefonseelsorge

Irgendwo, an einem unbekannten Ort in Nordrhein-Westfalen, hat ein verzweifelter Mensch die Nummer 0800/1110111 gewählt. Kathi, eine rothaarige Frau mit Hornbrille, nimmt den Anruf entgegen: »Telefonseelsorge. Guten Morgen.«

Die 55-Jährige hat an diesem Dienstag die Frühschicht übernommen. Es ist der dritte Anruf, der sie heute erreicht. In der Leitung ist eine ältere Frau, die es mit ihrem Mann nicht mehr aushält. Der Ehemann habe seit Langem starke Stimmungsschwankungen und aggressive Schübe, erzählt die Anruferin, er zertrümmere Möbel und Blumenvasen. Er sei nicht bereit, darüber zu reden oder Hilfe in Anspruch zu nehmen. So könne sie einfach nicht weiterleben, sagt die verzweifelte Frau. Und fragt, was sie nun machen soll.

Während Kathi am Schreibtisch sitzt und telefoniert, bleibt die Tür zum Flur der geräumigen Büroetage geschlossen. Niemand, das ist ehernes Gesetz, darf die Gespräche mithören. Und auch die Großstadt, in der diese Seelsorgestelle arbeitet, soll hier nicht genannt werden. »Kathi« ist ein Deckname, wie ihn alle Ehrenamtlichen wählen, um die Anonymität zu gewährleisten. Selbst ihre Kaffeetassen sind mit den Pseudonymen gekennzeichnet.

Kathi erkundigt sich nach den Lebensumständen der Anruferin und fragt sie schließlich, ob sie ihren Mann noch liebt. »Nein«, antwortet die Stimme am Ende der Leitung. »Ich will nur noch weg.« Also suchen die beiden nach Alternativen. Sie überlegen, wie die Anruferin für ein paar Wochen Abstand gewinnen oder ganz aus der Wohnung ausziehen könnte. Kathi nennt Institutionen, wo die Ratsuchende Hilfe bekommen kann, und beschreibt, welchen Weg sie gehen könnte, um eine Scheidung durchzusetzen. Sie müsse aber nichts überstürzen, sagt die Telefonseelsorgerin. Und natürlich könne sie gern noch mal anrufen. Dann trägt sie den Anruf am Computer in die Statistik ein. »Es war ein gutes Gespräch«, wird sie später erzählen. »Ich hatte einen sehr direkten Draht zu der Anruferin. Und ich glaube, dass sie jetzt weiß, wie sie weitergehen kann.«

Ihre dreieinhalbstündige Schicht geht allmählich zu Ende. »Mein innerer Topf war heute gut gefüllt«, sagt Kathi und strahlt. »Manchmal ist er eben auch fast leer, dann kann ich nicht so präsent sein.« Sie geht in die Küche, greift nach ihrer »Kathi«-Tasse und begrüßt die Pfarrerin, die die Telefonseelsorgestelle hier leitet. Auch die Pfarrerin mit den kurzen grauen H

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