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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2015
Der Inhalt:

Ein Patriarch für Assad

von Thomas Seiterich vom 20.11.2015
Gregorios III. Laham, der ranghöchste katholische Geistliche in Damaskus, sieht den Syrienkrieg völlig anders als der Westen. Eine Begegnung

Baschar«, antwortet Patriarch Gregorios III. Laham mit einem kaum hörbaren Seufzer. Er nennt nur den Vornamen, als ich ihn nach dem weltweit – außer von Iran und Russland – geächteten Präsidenten Syriens frage. »Baschar«, wiederholt der 81-jährige Kirchenführer leise.

Der Patriarch gilt als der Sprecher der Christen in Syrien – und er verteidigt Baschar al-Assad: »Ich weiß nicht, was die Leute gegen ihn haben.« Das Oberhaupt der 1,6 Millionen Mitglieder zählenden und mit Rom verbundenen Melkiten-Kirche residiert in Damaskus »unter dem Beschuss oppositioneller Milizen«. Er empfindet die syrische Armee als Schutz.

Die orientalischen Kirchen leben seit über tausend Jahren als Minderheiten im Islam. Deshalb hielten sie sich in Krisen stets an den Führer. Diesem Muster folgt Gregorios. Umso mehr, da unter der Diktatur von Assad senior und junior eine in Arabien seltene Toleranz für die Kirchen herrschte. Ja, die alevitischen Herrscher förderten Christen, um sie zur Kontrolle der sunnitischen Mehrheit in Syrien einzusetzen.

Gregorios III. geht auf den Terror und die dokumentierten Angriffe der syrischen Streitkräfte mit Fassbomben auf Wohnviertel nicht ein. Der Patriarch hält Syriens Präsident für das Opfer gezielter Diffamierung. In den westlichen Medien herrschten »Manipulation, Ignoranz, der Wille, über das Schlechte zu informieren«, sagt er.

Der kriegführende Präsident und der Patriarch: Sie treffen sich unregelmäßig im Jahr fünf des syrischen Krieges, in dem bisher rund 300 000 Menschen starben. Bei den Begegnungen zeige sich der Präsident kultiviert. »Er sammelt kleine Ikonen. Wenn er eine zerstörte Kirche besucht, fährt er mit der Hand über die beschädigten Stellen am Altar, er zeigt sich betroffen.« Al-Assad wolle von den Kirchenoberhäuptern, mit denen er spricht, wissen, wie die Leidtragenden denken. »Mir fällt das Antworten leicht«, sagt Gregorios, »denn ich bin seit Beginn des furchtbaren Krieges in einem fort unterwegs, um den Menschen zuzuhören, Hilfe zu organisieren und den Verzweifelten Mut zuzusprechen.«

Gregorios residiert in der Hauptstadt Damaskus, die von der Armee gehalten und von der Opposition belagert wird. »Kein Bischof der zahlreichen Kirchen in Syrien und kein Priester hat das Land verlassen«, sagt Gregorios, »alle bleiben bei den Leidenden, bei den Leuten vor Ort.«

Gre

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