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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2015
Der Inhalt:

»Wir haben Ja gesagt«

von Barbara Tambour vom 20.11.2015
Sozialprotokoll: Die Ärztin Rosemarie Schmitz und ihr Mann haben einen jungen Flüchtling aus Afghanistan als Pflegesohn aufgenommen

Meine größte Sorge ist, dass Alireza abgeschoben wird. Das wäre schrecklich für unseren afghanischen Pflegesohn. Eigentlich sollte er vor zwei Jahren nur ein Wochenende im Advent bei uns verbringen. Meine älteste Tochter hatte den damals 17-Jährigen im Multikulturellen Zentrum hier in Trier kennengelernt. Es ging ihm damals sehr schlecht. Wir haben dann gemeinsam Weihnachten gefeiert und viel miteinander gesungen – erstmals wieder seit Jahren. Ali liebte »Oh Tannenbaum« und steckte uns damit an.

Aus Afghanistan ist er geflüchtet, weil er dort entführt worden war und mit ansah, wie ein anderer Jugendlicher ermordet wurde. Auch auf der Flucht, die fast zwei Jahre dauerte, war er im Gefängnis und er hat viele Menschen sterben sehen. Das Boot, in dem Ali nach Griechenland gelangte, ging kurz vor der Küste unter. Viele ertranken.

Richtig schlimm ging es ihm, als er von Trier weg in eine Jugendhilfeeinrichtung in den Westerwald kam, wo es keinen Deutschunterricht gab, der Amtsvormund sich nicht kümmerte und er Übergriffen ausgesetzt war – ich will gar nicht darüber sprechen.

Aus dem einen Wochenende wurde die Zeit bis nach Weihnachten, bis zum Ende der Ferien – schließlich blieb er bei uns. In die Jugendhilfe-Einrichtung konnte er einfach nicht zurück. Mein Mann hatte zu diesem Zeitpunkt schon die Vormundschaft für ihn übernommen – damals war Ali noch minderjährig. Seit April 2014 sind wir offiziell Pflegefamilie für Alireza. Das ist rechtlich möglich, weil er noch nicht so weit ist, auf eigenen Füßen zu stehen.

Seit er bei uns lebt, hat er sich stabilisiert und geöffnet. Verglichen mit dem Beginn ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht. Er spricht inzwischen recht gut Deutsch. So gut, dass er von einer Einrichtung für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge ab und an als Übersetzer angefragt wird. Ali hat auch schon andere junge Flüchtlinge zum Arzt begleitet und dort gedolmetscht. Derzeit besucht er ein Ausbildungszentrum mit dem Schwerpunkt Metallverarbeitung. Zu Hause backt er wunderbare Brötchen und kocht gerne.

Ali stammt aus einer Familie, in der Solidarität mit den Armen wichtig war. Er ist selbst sehr religiös, empfindet aber wegen der im Namen des Islam begangenen Gewalttaten tiefe Verbitterung und Enttäuschung.

Er bemüht sich sehr, ordentlich zu leben und au

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