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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2015
Der Inhalt:

Der Club der verlorenen Priester

von Michael Schrom vom 20.11.2015
Der chilenische Film »El Club« handelt von Machtmissbrauch durch Geistliche. Ein Kinobesuch mit dem Jesuiten Klaus Mertes, der vor fünf Jahren die sexuelle Gewalt durch Priester am Canisiuskolleg öffentlich machte

Wir hatten uns zum Kino verabredet, und nun, nach der Vorführung, stehen wir erst einmal schweigend zusammen. Tief durchatmen. Wieder auftauchen aus dem fahlen Licht des Films, das sich wie ein Schleier auf die Netzhaut gelegt hat. Abstand gewinnen zu dieser düsteren und brutalen Geschichte.

Man kann sich schönere Anlässe für ein Treffen mit Klaus Mertes vorstellen. Der Jesuit und Leiter des Kollegs St. Blasien im Schwarzwald ist ein kirchlich und politisch kluger Beobachter, mit feinem Humor begabt, ein Pädagoge aus Leidenschaft, ein Mann, der Institutionen wertschätzt und – vielleicht gerade deshalb – einen wachen Blick auf ihre Schattenseiten hat. Es wäre reizvoll, ihn näher zu befragen, welche Gemeinsamkeiten er zwischen Alexis Tsipras und Angela Merkel sieht und warum er beide für große politische Führungspersönlichkeiten hält. Warum er glaubt, dass die Gottesfrage zu einem zentralen politischen Thema werden wird. Oder wie er den »Widerspruch aus Loyalität« von den Gefühlsausbrüchen der »Wutbürger« und »Tabubrecher« abgrenzt. Aber wir haben uns getroffen, um den Film »El Club« zu sehen, der vor Kurzem angelaufen ist.

In dieser auf wahren Begebenheiten beruhenden, aber fiktiv inszenierten Geschichte geht es um katholische Priester, die ihr Amt nicht mehr ausüben dürfen und unter Aufsicht in einem »Haus der Buße« an einem abgelegenen Ort an der chilenischen Küste wohnen. Der erste Priester hat eine üble Rolle während der Militärdiktatur gespielt. Der zweite hat ohne Wissen der Eltern Kinder aus Elendsvierteln an kinderlose reiche Familien vermittelt. Über den dritten weiß man nicht viel, weil er an Demenz erkrankt ist. Und der vierte hat junge Knaben sexuell missbraucht. Die Öffentlichkeit nimmt von der seltsamen Wohngemeinschaft keine Notiz. Und die Bewohner verbringen ihre Zeit damit, einen Windhund zu trainieren.

Eines Tages kommt jedoch ein fünfter Priester, Padre Matias, dazu – und die Ereignisse überschlagen sich. Denn dem Neuzugang folgt ein schwer traumatisiertes Opfer, ein junger Mann namens Sandokan, der vor dem Haus sein Quartier aufschlägt und pausenlos jedes brutale Detail seiner Missbrauchserfahrung hinausschreit. Im »Club« wird man nervös. Der Militärpfarrer drückt Matias eine Waffe in die Hand, er solle dem Quälgeist einen ordentlichen Schrecken einjagen. Doch der Priester erschießt sich selbst. Nun ermittelt nicht nu

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