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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2015
Der Inhalt:

Es hängt ja doch alles von uns ab

von Valentin Schönherr vom 20.11.2015
Unfassbar optimistisch: Der Ukrainer Serhij Zhadan ist der Autor der Stunde. Sein neuer Roman »Mesopotamien« zeigt einmal mehr, warum

Wer in »Mesopotamien« eine literarische Verarbeitung des Kriegs in der Ukraine sucht, wird nicht fündig, das gleich vorweg. Der 41-jährige Serhij Zhadan, Musiker, Lyriker, Journalist und Erzähler, äußert sich öffentlich zu diesem Krieg, wo immer es geht. Denn dieser Krieg ist sein Thema. Er stammt aus Starobilsk, das liegt im Gebiet Luhansk, aber gerade noch diesseits der Front. Charkiw, die Stadt, in der er heute lebt, hat heftige Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Seiten gesehen; 2014 wurde Zhadan selbst während einer Veranstaltung krankenhausreif geprügelt. Von Charkiw aus unternimmt er auf eigene Faust Versorgungstouren an die Front, im Gepäck: Lebensmittel, Bedarfsgüter, Lieder und Texte.

Nicht auszuschließen, dass eines seiner nächsten Bücher vom Krieg handelt – »Mesopotamien« tut es nicht. Der Roman erschien bereits im Frühjahr 2014 auf Ukrainisch, wurde also vor dem Krieg geschrieben, und auch von der großen Politik ist darin kaum die Rede. Und dennoch ist Zhadan mit diesem und seinen anderen Büchern, vor allem dem Roman »Die Erfindung des Jazz im Donbass« (auf Deutsch 2012 erschienen) und dem Erzählungsband »Hymne der demokratischen Jugend« (2009) ein Gegenwartsautor im besten Sinne. Seine Figuren haben die späte Sowjetunion als Lebenserfahrung im Gepäck, Demokratie und Marktwirtschaft waren für sie eine große Enttäuschung, und ihre schwierigste Aufgabe besteht darin, zwischen Korruption, Gewalt und Gesetzlosigkeit einigermaßen durchzukommen.

In »Die Erfindung des Jazz im Donbass« verschlägt es einen Städter ins ukrainisch-russische Grenzgebiet, wo er eine abgelegene Tankstelle übernehmen soll. Die Region erweist sich als staatsfreies Territorium, in dem Oligarchen und ihre Schlägertrupps das Sagen haben, die auch die Tankstelle am liebsten an sich reißen würden.

Serhij Zhadan macht aus dieser Ausgangslage etwas ganz Unerwartetes: Statt eines gewaltgetränkten Thrillers lesen wir verwundert, wie der Städter die eine Gewaltdrohung als bloßen Einschüchterungsversuch entlarvt, die andere geschickt entschärft, aber vor allem: wie er die Herausforderung annimmt, präsent ist, Beziehungen knüpft, für sich kämpft und für die, die ihm wichtig sind.

Es geht ein unglaublicher Optimismus von Zhadans Texten aus, unglaublich angesichts der miserablen Umstände, unter denen alle leben. Unglaublich auch, weil sich seine Figuren auf nich

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