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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2011
Die Lust am Selberdenken
Der Inhalt:

Viele gehen langsam kaputt

von Monika Herrmann vom 04.05.2012
In Berlin sind von 1000 Einwohnern 200 auf staatliche Hilfe angewiesen. Die Arbeitslosenquote liegt in der Hauptstadt bei 14 Prozent, die höchste in ganz Deutschland. Immer mehr Menschen fühlen sich ausgegrenzt. Sie sind arm und ohne Hoffnung

Jeden Dienstag zieht Jana mit Einkaufsbeuteln los. Ihr Ziel: die Kirche der Paulus-Gemeinde im Berliner Stadtteil Tempelhof. Nicht zum Beten geht Jana in das interessante, in Rundform erbaute evangelische Gotteshaus, sondern weil hier Lebensmittel für Arme verteilt werden. Für Menschen wie Jana, seit drei Jahren ohne Job und auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Jana muss mit 359 Euro im Monat auskommen. »Ich komm nicht über die Runden«, sagt sie und deshalb kommt sie in die Kirche. »Anfangs habe ich mich geschämt, kam mir vor wie eine Bettlerin«, bekennt sie. Zusammen mit anderen Armen aus dem Kiez wartet die gelernte Bürokauffrau im Vorraum der Kirche, bis sie aufgerufen wird. Die Kirche haben freiwillige Helfer in eine Art Supermarkt verwandelt. Viel frisches Gemüse und Obst, Kartoffeln, Brot, Brötchen, Margarine, eingeschweißter Käse und Wurst, Mehl, Zucker, Konserven und auch Süßigkeiten liegen auf den langen Tischen. Tags zuvor haben die Helfer Geschäfte und Supermärkte abgefahren und alles eingesammelt, was dort nicht mehr verkauft wird. Rund 170 Arme bitten Woche für Woche in der Tempelhofer Kirche um Lebensmittel.

Sie ist eines von rund 50 Berliner Gotteshäusern, in denen Menschen mit Lebensmitteln versorgt werden. »Laib und Seele« heißt die Aktion, die vom ARD-Sender rbb (Rundfunk Berlin Brandenburg), der Berliner Tafel und den beiden großen Kirchen organisiert wird. Nötig ist das allemal. Denn in Berlin sind von 1000 Einwohnern 200 auf staatliche Hilfe angewiesen. Die Arbeitslosenquote liegt in der Hauptstadt bei 14 Prozent, die höchste in ganz Deutschland. Ganze Stadtteile gelten inzwischen als hoch problematisch, weil dort besonders viele Arme leben. In die »Arche«, die Bernd Siggelkow in Hellersdorf betreibt, kommen täglich bis zu 300 Kinder. In der ehemaligen Schule bekommen sie Essen, Hilfe beim Lernen und der Bewältigung ihres Alltags. »Kinder gehen in Hellersdorf nach der Schule nicht nach Hause, sondern in die ›Arche‹, weil es dort etwas zu essen gibt«, sagt Siggelkow. Den freikirchlichen Pastor nennen die Kids Papa Bernd. »Ihre eigenen Väter kennen sie oft gar nicht«, erzählt »Papa Bernd«, selbst Vater von sechs Kindern.

Fest steht: Armut verändert die Lebenssituation. Menschen verlieren die Lust am Leben, fühlen sich ausgegrenzt, werden lethargisch, depressiv und krank. »Wenn du spürst, es will dich niemand mehr, dann lebst du eigentlich gar nicht mehr richtig«, sagt J

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