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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2011
Die Lust am Selberdenken
Der Inhalt:

Ich bleib noch ein bisschen bei dir

Abschied nehmen dauert. Manchmal mehrere Tage. Im Frankfurter Bestattungshaus haben Trauernde alle Zeit der Welt

Im Abschiedsraum hängt keine Uhr. Wer will, kann sich über Nacht den Schlüssel zum Bestattungshaus von Sabine Kistner und Nikolette Scheidler geben lassen. Kann die ganze Nacht sitzen bleiben bei dem, der gestorben ist. In einem Schaukelstuhl, auf einem Sofa, auf dem Boden. Eine Hand halten, die kalt ist. Oder einfach schauen, denken, weinen. Manche trinken ein Glas Rotwein, während sie da sitzen, oder sie essen Pizza vom Bringdienst. Andere essen nicht und trinken nicht. Alle eint eine Fassungslosigkeit, die lange nicht weichen will. Zeitdruck und Trauer passen nicht gut zusammen. Viele wissen gar nicht, dass man Tote laut Gesetz 36 Stunden zu Hause behalten darf. Bei entsprechender Kühlung bleiben, je nach kommunaler Friedhofsverordnung, sogar bis zu zehn Tage Zeit bis zur Beerdigung oder Einäscherung.

Korbmöbel, wie in einem Wohnzimmer. Durchs Fenster fällt der Blick direkt in den Himmel. Keine Selbstverständlichkeit im Frankfurter Gutleutviertel, das im Schatten des Hauptbahnhofs liegt. Die Blickachse im Abschiedsraum ist ein Glücksfall, wie so vieles in diesem Haus. Da ist das weite Foyer für die Trauergäste, mit viel Platz für schöne, antike Möbel. Da ist das Gartenhäuschen, das jetzt als Kühlhaus fungiert und über einen kleinen Waschraum direkt mit dem Erdgeschoss verbunden ist – beides ist Pflicht, wenn man Verstorbene tagelang unterbringen möchte. Da sind die Nachbarn, die bereit sind, den Tod in nächster Nähe zu ertragen. »Wir haben lange nach einer passenden Immobilie gesucht«, sagt Sabine Kistner.

»Noch ein Stück hier rüber, halt, genauso.« Im länglichen Saal für die Trauerfeiern schabt Holz leise über Holz. Der schlichte Kiefernsarg, mit dem Verstorbenen darin über 90 Kilo schwer, bildet