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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2011
Die Lust am Selberdenken
Der Inhalt:

Die Kraft des Naiven

von Eva-Maria Lerch vom 04.05.2012
Der Wiener Student Robert Zahrl traf im Gefängnis einen afrikanischen Flüchtling. Und verhinderte seine Abschiebung

Robert Zahrl war bis vor Kurzem noch ein unbekannter Philosophiestudent, schlank, sportlich, blond und eher unpolitisch. Und wenn sein Auto einen Rückspiegel gehabt hätte, dann wäre er das wohl noch heute. Inzwischen aber ist der 22-Jährige in Österreich beinahe ein Medienstar. Er hat einen renommierten Preis für Zivilcourage bekommen und einem afrikanischen Flüchtling vorerst das Leben gerettet.

Der junge Wiener mit dem schmalen blassen Gesicht war mit dem Auto ohne Rückspiegel in eine Verkehrskontrolle geraten und sollte 300 Euro Bußgeld zahlen. Weil er die Strafe nicht bezahlen konnte, musste er fünf Tage Ersatzhaft in einem Wiener Gefängnis absitzen. Er kam in eine Sechserzelle, gemeinsam mit Ousmane C., einem 26-jährigen Abschiebehäftling aus Guinea. Während der fünf Tage in der Zelle erzählte der Afrikaner dem Österreicher von seinem Schicksal. Als Sprecher einer kämpferischen Studentengewerkschaft hatte Ousmane für bessere Studienbedingungen und Veränderungen in dem westafrikanischen Staat gekämpft. Er berichtete dem Mithäftling, dass Guinea trotz freier Wahlen nach wie vor vom Militär beherrscht würde, das die Menschenrechte mit Füßen trete. Er erzählte von seiner Verhaftung, der grausamen Folter, der Todesangst und der Flucht nach Europa. Er zeigte ihm die Folternarben auf seinem Körper. Ousmane war verzweifelt, weil er kein Asyl bekam und nun zurück nach Guinea gebracht werden sollte, obwohl sein Leben dort in Gefahr war.

Robert Zahrl war geschockt: »Ich habe mich für informiert gehalten, habe aber lernen müssen, dass die Asylpolitik in Österreich anders aussieht«, sagt er in seiner betont überlegten Redeweise. »Ich habe versprochen, ihm zu helfen.« Und er hielt Wort. Unerfahren, fast naiv, aber energisch organisierte er nach seiner Entlassung den Protest gegen Ousmanes Abschiebung. Er informierte Menschenrechtsorganisationen, postete sein Anliegen auf facebook und versammelte mehr als zweihundert Demonstranten vor dem Gefängnis, um die Abschiebung des Afrikaners zu verhindern. Als Ousmane C. trotzdem zum Flughafen transportiert wurde, warf er mit seinen Freunden alles Geld zusammen. Sie kauften zwei Flugtickets, liefen in die Maschine, bestürmten die Crew und bewegten schließlich sogar den Piloten, den Transport des Flüchtlings abzulehnen. Gerettet ist Ousmane C. damit noch nicht. Er lebt derzeit mit einer Duldung in Österreich und muss weit

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