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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2019
Die Waffen nieder!
Pazifismus in kriegerischen Zeiten. Wie sich Sicherheitspolitik neu denken lässt
Der Inhalt:

Aufgefallen: Die Enkelin der Brotverkäuferin

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 08.11.2019
Die chinesische Anwältin Guo Jianmei erhält den Alternativen Nobelpreis

Als Guo Jianmei das erste Mal ausgebrochen ist, war sie 18 Jahre alt. Damals verließ das Mädchen seine Heimat, eine verarmte Region in Zentralchina, um in Peking Jura zu studieren. Als sie das zweite Mal ausbrach, ließ sie ihre sichere Stelle im Justizministerium hinter sich, um ein Zentrum für Frauenrechte zu gründen. Heute zählt Guo Jianmei zu den bekanntesten Bürgerrechtsanwältinnen des Landes.

Die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren, die selbstbewusst auftritt und wenig Zurückhaltung an den Tag legt, hilft Chinesinnen, Rechtsbeistand zu erhalten. Sie unterstützt etwa Frauen bei Ehestreitigkeiten oder Witwen, die von ihrem Land vertrieben werden. Ihr Engagement hat auch mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu tun: »In meiner Familie galten Männer seit jeher als überlegen«, sagt sie. »Meine Großmutter starb mit nicht einmal vierzig Jahren. Sie verhungerte, während sie Brot verkaufte. Dabei war noch etwas Brot übrig. Aus Angst, verprügelt zu werden, hat sie nicht davon gegessen.«

Die Gesetzeslage in China ist für Frauen zwar mittlerweile fortschrittlicher, die Gleichberechtigung seit 1949 in der Verfassung verankert, aber in der Praxis hat sich wenig verändert. »Das Gesetz in China ist eine schlafende Schönheit«, sagt Jianmei. Und diese Schönheit wollte sie wecken. Ein Wendepunkt war für Guo Jianmei dabei die Teilnahme an der UN-Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking. Dort traf sie zum ersten Mal auf Frauenrechtlerinnen und Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt. »Ich habe sofort gespürt, dass ich meine Heimat gefunden hatte«, sagt sie im Rückblick. In der Folge gründete die heute 58-Jährige ein Rechtsberatungszentrum für Schwache, Ausgegrenzte und Arme, die sich sonst keinen Rechtsbeistand leisten können. Das wurde mehrfach geschlossen, umbenannt, neu aufgestellt. Die Pekinger Universität, die als Träger des Zentrums fungierte, zog sich wegen »Drucks von oben« zurück, wie Jianmei mutmaßt.

Auch in den Dörfern auf dem Land, wo sie Trainingskurse für Polizei und Justizbehörden zu häuslicher Gewalt anbietet, wird sie hin und wieder angefeindet; einmal wurde sie von Hunderten wütender Dorfbewohner umringt. Doch davon lässt sich Jianmei nicht einschüchtern. Seit 1995 haben mehr als 120 000 Frauen in der Volksrepublik kostenlos Beratung von ihr und ihren Teams erhalten. »Man wird in diese Arbeit hineingezogen und geht in ihr auf, bis man einfach nichts anderes mehr

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