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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2016
Gefährlicher Egoismus
Warum sich die Deutschen mit Gerechtigkeit so schwertun
Der Inhalt:

Nimm und lies

von Jörg Lauster vom 04.11.2016
Theologische Anmerkungen zur Neuüberarbeitung der Lutherbibel

Das Reformationsjubiläum hat auch sein Gutes. Es war offensichtlich Ansporn genug, um ein ambitionierteres Projekt rechtzeitig zum Abschluss zu bringen: die Revision der Lutherbibel. Das ist eine beachtliche Leistung. Denn üblicherweise ist die Geschichte der Lutherübersetzung und ihrer Überarbeitungen eine Geschichte theologischer Wut sowohl der Modernisierer als auch der Bewahrer.

Diese Wut-und-Empörungsgeschichte vor Augen, waren die Anfänge zunächst bescheiden angelegt. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) meinte ursprünglich, die Fassung von 1984 einer schlanken Durchsicht zu unterziehen. Sie sollte den Text auf die Höhe der gegenwärtigen Bibelwissenschaft bringen und die Sprache Luthers bewahrend behandeln. Das hieß aber, nicht weniger als drei Herren zu dienen: den hebräischen und griechischen Texten, Luthers Übersetzung und der Fassung von 1984. Erfreulicherweise haben jedoch an dem Verfahren sehr viele mitgearbeitet, die in der deutschsprachigen Exegese Rang und Namen haben. Die vorgelegte Revision ist ein schönes Beispiel dafür, dass theologischer Sachverstand für kirchliche Projekte kein Schaden ist.

Zwischen Verrat und Verstehen

Das Phänomen der Bibelübersetzungen nimmt in der Geschichte des Christentums eine bemerkenswerte Stellung ein. Noch bevor es die Bibel als festgelegten Kanon überhaupt gab, hat das Christentum Handschriften der biblischen Texte übersetzt. Das rege Interesse ging auch nach Abschluss des Kanons weiter. Diese Übersetzungslust hat theologische Gründe. Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion, aber keine Buchreligion. Dies ist ein markanter Unterschied zum Judentum und zum Islam. Zum Wesen der Offenbarung gehört es, dass sie nicht auf eine Sprache und ein heiliges Buch beschränkt bleiben kann. Damit verbindet sich ein geradezu frohgemuter sprachphilosophischer Optimismus.

Aus einer biografischen Begebenheit machte Augustinus das »Nimm und lies« zum Motto seines Umgangs mit der Bibel. Philosophisch ging er davon aus, dass zwischen den Worten der menschlichen Sprache und den Dingen der Wirklichkeit ein unsichtbares Band geknüpft ist. Aus der Perspektive mancher heutiger Sprachphilosophen ist das ein fast rührender ontologischer Optimismus, der bei Augustinus zweifelsohne auch religiöse Motive hatte. Gott ist der Urheber von

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