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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2015
»Macht Wirbel!«
Wie der Papst die Kirche aufmischt
Der Inhalt:

Arm in Deutschland

von Barbara Tambour vom 06.11.2015
Es geht um Teilhabe. Und die ist möglich. Politik und Gesellschaft müssen sie nur wollen

Wer ist arm in Deutschland? Es sind längst nicht nur die Menschen, die bloß mit einer Plastiktüte oder einem Rucksack vor dem Bürgerkrieg in Syrien oder der Diktatur in Eritrea zu uns flüchten. Arm sind fast zehn Prozent aller, die in Deutschland leben. Und rechnet man diejenigen dazu, die von Armut gefährdet sind, kommt man auf 13 Millionen der rund 82 Millionen Einwohner in Deutschland (rund 16 Prozent). Sie leben von niedrigen Einkommen, aufgestockt um Hartz-IV-Leistungen oder vollständig von Hartz IV. Und es gab sie, schon bevor die Flüchtlingszahl anschwoll.

Es wäre fatal, den Blick allein auf die Neuankömmlinge zu richten – so wichtig das ist – und darüber die Armen im Lande zu übersehen. So gut ein Fest für Flüchtlinge in der geschichtsträchtigen Paulskirche ist: Wo ist das Fest für bedürftige Alleinerziehende und ihre Kinder und für Rentner, die von Grundsicherung leben?

Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in Armut auf. Viele Menschen mit geringer Bildung sind arm, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behin derungen, Menschen mit Migrationshin tergrund. Von allen Alleinerziehenden-Haushalten beziehen fast vierzig Prozent Hartz IV, ein Drittel aufstockende Hartz-IV-Leistungen: Sie arbeiten, doch das Geld reicht nicht aus, um davon leben zu können.

Deutschland und seine Regierung tun sich schwer damit, sich der Armutsdebatte zu stellen. Mit dem Bild vom Exportweltmeister und den blühenden Landschaften identifiziert man sich halt leichter. Doch: Probleme, die nicht angeschaut werden, können auch nicht gelöst werden. Wie notwendig das Hinschauen ist, hat gerade der »Schattenbericht« der Nationalen Armutskonferenz gezeigt: Die Wirtschaft, die Löhne und der Konsum wachsen – und die Armut wächst auch. Die Schere geht auseinander. Die Armut verfestigt sich. So lautet das erschütternde Urteil des Bündnisses, dem die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtpflege angehören (AWO, Caritas, Diakonie, Paritätischer Wohlfahrtsverband und Co.), Sozialverbände und der DGB.

Und das zehn Jahre nach Einführung der Hartz-IV-Gesetze, deren Befürworter überzeugt waren: Mehr Druck auf die Hilfeempfänger, kombiniert mit Qualifizierungsangeboten, werde all jene Leute in Arbeit bringen, die bislang auf der faulen Haut gelegen hätten. Ein Irrtum, wie sich zeigt.

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