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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2012
Gefährlicher Reichtum
Warum wir eine gerechte Verteilung brauchen
Der Inhalt:

Schutzengel in Neukölln

von Bettina Röder vom 09.11.2012
Wie neunzig fromme Roma-Familien in Berlin ihre Würde zurückbekamen. Ein Besuch in der Harzer Straße

Benjamin hat einen Traum. »Einmal im Leben möchte ich zum Alexanderplatz fahren«, sagt der Neunjährige, und seine tiefbraunen Augen leuchten. Er träumt vom großen Spielplatz, den es dort geben soll, von Kindern, die auf Rollerskates herumrasen, vom großen Riesenrad. Doch seine Mutter, sagt er, habe kein Geld für die S-Bahn-Fahrt ins Zentrum von Berlin. »Ich war schon mal da«, erklärt sein zehnjähriger Bruder Josua. »Aber hier«, sagt er und breitet seine kleinen Arme weit aus, »haben wir’s ja jetzt auch sehr schön.« Das war bis vor Kurzem ganz anders.

Benjamin und Josua wohnen in der Harzer Straße in Berlin-Neukölln. Sie stehen im Hinterhof eines Gründerzeitkomplexes. »Früher«, ruft Josua, »war hier hohes Gras, viel Dreck, sogar Ratten hatten wir, es war ganz ekelig.« Die beiden Jungen zeigen stolz auf die inzwischen frisch getünchten Hauswände, die bunt bemalt sind. Auf den Balkons stehen gelbe Sonnenschirme, auch Deutschlandfahnen wehen da. Hinter den Häusern, wo Teppiche zum Trocknen aufgehängt sind, wird gegrillt. Josua rennt auf die Straße, zeigt auf die weithin sichtbare braun und ocker bemalte Seitenwand. »Hier, lies das mal«, sagt der Zehnjährige: »Herr, unsere Erde ist ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält«, steht da.

Furcht müssen die Menschen, die hier leben, sehr wohl gehabt haben. Noch im vorigen Jahr galt das Wohnprojekt aus der Gründerzeit als Müllhaus der Stadt. Kinder lebten neben Ungeziefer, die Wände waren nass und grau, in so manchem Raum lagen zwanzig Matratzen. Überwiegend rumänische Roma waren hier eingezogen, gut neunzig Familien insgesamt. Sie kamen aus Bukarest, mehrheitlich aber aus dem kleinen Dorf Fontanelle nordwestlich der Hauptstadt. Doch mit irgendwelchen Klischees über Roma haben sie nichts zu tun. Im Gegenteil. Sie gehören allesamt derselben rumänischen Pfingstgemeinde an. Das heißt, sie sind Christen, die aus Überzeugung nicht rauchen, nicht trinken, auch nicht betteln oder fluchen. Und wenn sie vor Jahren noch zu Hochzeiten Musik gemacht haben, musizieren sie inzwischen nur noch zur Ehre des Herrn. In der nahegelegenen Martin-Luther-Kirche ist ihre Gemeinde zu Gast.

Nach Berlin kamen sie vor allem der Kinder wegen, wollten eine gute Bildung für sie, die ihnen in Rumänien als Roma oft verwe

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