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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2012
Gefährlicher Reichtum
Warum wir eine gerechte Verteilung brauchen
Der Inhalt:

»Damals war ich 13«

von Arne Lietz vom 09.11.2012
9. November 1989: Zwischenruf eines jungen Politikers

Alle machen rüber und schauen sich den Westen an – nur wir nicht. Ich war im Jahr der Maueröffnung 13 Jahre alt und wohnte in der Mecklenburger Kleinstadt Güstrow. In meiner Erinnerung war dieser Tag im Strudel der vorherigen Wochen natürlich das herausragende Ereignis, aber in meiner Familie ging das fast unter. Meine Zwillingsschwester und ich überquerten mit unseren Eltern erst über eine Woche später den Grenzübergang bei Lübeck. Sie waren zu sehr in die Organisation von Demonstrationen, den Aufbau des Neuen Forums und heftige Auseinandersetzungen mit der SED und ihrem Regime vor Ort und DDR-weit involviert.

Ohne die Friedliche Revolution wäre es zum 9. November nicht gekommen. Der große Bogen beginnt in den blutig niedergeschlagenen Aufständen im Ostblock, der Charta 77, der Solidarnosc-Bewegung in Polen, aber auch der wachsenden Opposition in der DDR. Das neue politische Ungarn, das mit Billigung von Gorbatschow im Sommer 1989 als Erstes den Eisernen Vorhang nach Österreich durchtrennte, gehört dazu. Die Rufe »Keine Gewalt« und »Wir sind das Volk« und die Hunderttausende von Kerzen auf den Straßen der DDR, die bis heute bei mir Gänsehaut hervorrufen, haben die Mauer zu Fall gebracht.

Als Historiker habe ich heute gelegentlich die Chance, mit Lehrerinnen und Lehrern ganz praktisch in vergleichender Auseinandersetzung der deutschen Diktaturen des letzten Jahrhunderts, aber auch zu unserer Erinnerungskultur zur Friedlichen Revolution zu arbeiten. Das steht zwar auch im Lehrplan in den alten und neuen Bundesländern, aber es findet zu wenig adäquate Umsetzung. Weil da generell die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu wenig Raum bekommt. Es ist gesellschaftlich zu wenig gewollt, dass diese Geschichte in ihrer Vielfältigkeit für die deutsche und auch europäische Gesellschaft für kommende Generationen weitergegeben wird. Das betrifft auch die Einbeziehung der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Sie finden sich ja auf einmal in einem neuen Land wieder. Da ist es wichtig, dass sie etwas darüber erfahren. Ich habe vor Kurzem einen jungen Russen kennengelernt, da war die Mutter dagegen, dass die Familie nach Westberlin fährt, weil das der Kapitalismus sei. Zudem haben die Schülerinnen und Schüler zu wenig Zeit, sich mit den Entwicklungen vor 1989 bis zur deutschen Einheit auseinanderzusetzen.

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