Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2018
Mensch oder Profit
Woran die Pflege krankt. Und wie es besser geht
Der Inhalt:

Über den Dächern von Paris

von Karin Finkenzeller vom 26.10.2018
Auf immer mehr Gebäuden in Paris leben Bienenvölker – auch auf der Kathedrale Notre-Dame. Seit es auf dem Land kaum noch Blütenpflanzen gibt, werden Städte als Lebensraum für die Honigsammler immer wichtiger

Die steinernen Fabelwesen blecken die Zähne, als Sibyle Moulin ihre Schutzhaube überzieht. Als müssten die Wasserspeier der Kathedrale Notre-Dame ihre Schützlinge vor bösen Dämonen bewahren. Aber von Moulin haben sie nichts zu befürchten. »Salut les filles« – »Hallo, Mädels« –, grüßt die Imkerin fröhlich, als sie vorsichtig den ersten von drei Bienenstöcken auf dem Dach der Kathedrale öffnet und die Tiere mit Rauch aus ihrem Smoker ablenkt. Die »Mädels« waren fleißig seit dem letzten Besuch: Ihre Waben sind dick mit Honig bedeckt.

Bienenstöcke in der Stadt sind keine Seltenheit mehr. Auch in Paris stehen schon mehr als hundert auf zahlreichen Dächern berühmter Sehenswürdigkeiten und Firmensitze. Die drei Völker über der Sakristei von Notre-Dame arbeiten quasi in göttlichem Auftrag: Die Diözese von Paris wolle mit ihnen »die Schönheit der Schöpfung in Erinnerung rufen und die Verantwortung, die die Menschen für sie tragen«, sagt deren Pressesprecher André Finot.

In vielen Religionen spielen Bienen und Honig eine wichtige Rolle. Im Christentum symbolisiert die Biene Weisheit, zahlreiche Stellen des Alten und Neuen Testaments thematisieren zudem die Nahrhaftigkeit des Honigs: Das verheißene Land in der hebräischen Bibel ist bekannt als jenes, »in dem Milch und Honig fließen«. Im Hinduismus ist Honig eine Opfergabe an die Götter. Der Prophet Mohammed empfahl die heilenden Eigenschaften von Honig. Und Buddha wusste: »Wer seinen Wohlstand vermehren möchte, der sollte sich an den Bienen ein Beispiel nehmen.« Die Menschen sollten wie sie Reichtum sammeln, ohne dessen Quellen zu zerstören. Dann werde er beständig zunehmen. Die meisten Menschen, die an diesem Nachmittag auf dem Vorplatz der Kathedrale Notre-Dame für Selfies posieren oder mit mehr Respekt am Westportal den Streit des Teufels mit einem Engel um die menschlichen Seelen begutachten, ahnen kaum, dass wenige Meter über ihnen etwa 150 000 Bienen am Werk sind, rund 50 000 pro Stock.

»Natürlich ist Paris eine schmutzige Großstadt mit vielen Autoabgasen. Aber die Pflanzenvielfalt ist in Städten inzwischen oft bedeutend größer als auf dem Land mit seinen landwirtschaftlichen Monokulturen«, sagt Imkerin Moulin. Die promovierte Biologin deutet hinunter auf ein Blumenbeet zwischen der Südseite der Kathedrale und dem Ufer der Seine, wo auch die Bronzestatue von Papst Johannes Paul II. steht. »Hier ist praktisch das ganze

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen