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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2019
Abschied von Gandhi
150 Jahre nach seiner Geburt herrschen in Indien Gewalt und Fanatismus
Der Inhalt:

Sühne und Erlösung

von Michael Schrom vom 04.10.2019
Die katholische Kirche könnte stilbildend im Umgang mit sexualisierter Gewalt werden. Wenn Geiz und Kleinmut nicht obsiegen

Löst sich hier ein gordischer Knoten? Gelingt es der katholischen Kirche in Deutschland tatsächlich, zur beispielgebenden Vorreiterin im Umgang mit sexualisierter Gewalt zu werden, wie dies der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, andeutet? Noch ist es für ein Urteil zu früh. Aber selbst Matthias Katsch, Mitbegründer und Sprecher der Opferinitiative Eckiger Tisch, äußert sich verhalten optimistisch: »Hätte man mir das vor einem Jahr gesagt – ich hätte es nicht geglaubt.« Was ist passiert?

Zunächst hat sich das Bewusstsein geändert: Die Bischöfe behandeln die Opfer sexualisierter Gewalt nicht länger als »nervende Störenfriede« (Katsch). Opferinitiativen müssen nicht mehr vor verschlossenen Türen Aufmerksamkeit für ihr Anliegen organisieren. Geändert hat sich, zweitens, die Sprache. Es geht nicht mehr nur um »Anerkennung erlittenen Leids«, sondern um Übernahme von Verantwortung. Und das heißt: Verantwortung für die zerstörerischen Folgen, die sexualisierte Gewalt für das ganze Leben eines jungen Menschen hat beziehungsweise wahrscheinlich haben wird. Wer diese Perspektive einnimmt, erkennt, wie absurd gering die Höhe der Zahlungen bislang war. Bislang hat die Kirche etwa neun Millionen Euro an etwa 2100 Betroffene ausgezahlt, im Durchschnitt meist 5000 Euro, in Einzelfällen mehr. Nun geht es um deutlich höhere Summen.

Zwei Modelle, die von der Opferinitiative zusammen mit externen Fachleuten erarbeitet wurden, liegen auf dem Tisch. Das eine sieht eine pauschale Entschädigung in Höhe von rund 300 000 Euro pro Fall vor, das andere ein abgestuftes Entschädigungsverfahren, bei dem in Einzelfallprüfungen je nach Schwere des Falls zwischen 40 000 und 400 000 Euro gezahlt werden. Für den ersten Weg spricht, dass er den Betroffenen erspart, jede einzelne Folge des Missbrauchs nachweisen zu müssen. Wenn keine gut begründeten Zweifel dagegenstehen, wird gezahlt. Ein zweiter Vorteil ist das Tempo und die unbürokratische Vorgehensweise. Die meisten Opfer sind alt geworden. Sie sollten nicht länger als nötig warten müssen. Daher wird dieses Modell von den Opferverbänden favorisiert. Auf der anderen Seite bleibt zu fragen, ob man alle Fälle über einen Kamm scheren und wer eine Plausibilitätsprüfung vornehmen kann.

So oder so. Es geht um sechsstellige Entschädigungszahlungen, um ein geschätztes Volumen von einer Milliarde

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