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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2019
Abschied von Gandhi
150 Jahre nach seiner Geburt herrschen in Indien Gewalt und Fanatismus
Der Inhalt:

Eine Herberge für Migranten

von Knut Henkel vom 04.10.2019
Die Pfarrei San Francisco in Cuenca bietet Flüchtlingen aus Venezuela ein Obdach

Jeden Morgen stehen die Männer an der Plaza Abdón Calderón in Cuenca, einer Halbmillionenstadt in Ecuador, und warten auf vorbeikommende Arbeitgeber in ihren Autos. Manche tragen Pappschilder, auf die sie ihren Beruf gemalt haben: Klempner, Maurer, Zimmermann, Kellner. Jorge Moreno, Pfarrer der Kirche San Francisco, die an dem Platz liegt, kennt ihre Not: »Viele der Arbeitssuchenden sind Flüchtlinge aus Venezuela. Sie haben in Ecuador wegen der Wirtschaftskrise schlechte Karten. Neuankömmlinge werden oft als billige Konkurrenz wahrgenommen.« Abfällige Bemerkungen bekommen sie öfter zu hören, sagt der Priester, dessen Gemeinde eine Herberge für Geflüchtete und Tagelöhner betreibt.

Posada San Francisco heißt das gastfreundliche Haus. Es besteht seit rund fünfzig Jahren. »Ursprünglich gegründet, um Menschen aus dem Umland an den Markttagen eine Unterkunft zu bieten, ist die Posada San Francisco heute vor allem ein Ort für Migranten aus Kolumbien und Venezuela«, sagt der Padre. Er öffnet die Tür, die den Innenhof des Gemeindezentrums mit der Herberge verbindet. Padre Moreno, ein mittelgroßer Mann mit graumelierten Haaren von Anfang fünfzig, leitet die Arbeit in der Herberge, wo soeben Douglas, der Koch, mit einer Kollegin die Frühstücksreste wegräumt. Die Übernachtungsgäste sind längst ausgeflogen. »Nach dem Frühstück müssen sie raus. Um 18 Uhr öffnen wir wieder«, sagt der Priester.

Es gibt rund fünfzig Schlafplätze. »Zu wenig, aber wir haben keinen Platz, um zu erweitern«, sagt der Geistliche. Die Schlafräume haben je zwölf Betten. Daneben Gemeinschaftsbäder, eine Waschküche, in der die Maschinen laufen, und einen Innenhof, wo sich die Gäste aufhalten können und wo jetzt Bettlaken in der Morgensonne trocknen. Gegenüber befindet sich der Speisesaal. »Jeden Tag kochen wir zwischen 120 und 180 Essen. Wir geben uns Mühe, nicht nur gut zu kochen, sondern legen auch Wert auf einen guten Service. Wir wollen mehr als nur eine nüchterne Herberge sein«, sagt der Pfarrer.

Das ist schwierig, denn Geld ist stets knapp. Die Kirche selbst ist klamm und froh, dass das UN-Flüchtlingshilfswerk seit Kurzem für das Essen aufkommt. Ein Widerspruch, denn im November 2018 hatte die Regierung in Quito ein Programm für die Versorgung der rund 300 000 Migranten aus Venezuela angekündigt. Davon kam in Cuenca nie etwas an, und in der Posada könnte Pfarrer Mor

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