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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2016
»Schaut doch mal rein in die Bibel!«
Bodo Ramelow über Christsein und Kapitalismus
Der Inhalt:

Die Verrohung der Welt

von Michael Schrom vom 07.10.2016
Das Jahr 2016 zeigt, dass die Decke der Zivilisation dünner ist, als man glauben mag. Es braucht mehr als große Worte

Möglicherweise wird das Jahr 2016 noch in einigen Jahren in Erinnerung gerufen. Dann nämlich, wenn aggressives und autoritäres Denken tatsächlich mehrheitsfähig geworden, die Europäische Union zerbrochen und kultureller Rassismus wieder auferstanden ist. Wenn dann noch Zeit und Raum bleibt für die Frage, wieso eine freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung, die im Prinzip doch fast alle gut fanden, ein solches Ende nehmen konnte. Spätestens dann wird man vermutlich auf das Jahr 2016 zurückkommen, in dem sich eine solche Häufung von Brutalitäten ereignet hat und immer noch ereignet, dass man geneigt ist, diese als düstere Vorboten einer noch düsteren Zukunft zu deuten.

Nur einige Beispiele: Das endlose Schlachten in Syrien. Die rassistische Gewalt in Amerika. Das islamistische Blutbad in Paris und Brüssel. Die Bombe auf die Moschee von Dresden und der Mord an einem Priester während einer Messe in Frankreich. Die Brandstiftungen in Flüchtlingsheimen. Die amoklaufenden Psychopathen von München, Ansbach oder Würzburg. Der Putsch und die »Säuberung« in der Türkei. Die Abertausenden, die auf ihrem Weg durch völlig zusammengebrochene Staaten jämmerlich verrecken oder ersticken in den Lastwagen skrupelloser Schleuser. Nicht zu vergessen: die Ausmaße von Hass und Mobbing in den sozialen Netzwerken und im Internet. Und schließlich die Verrohung der politischen Sprache, in der sich selbst ein Generalsekretär einer christlichen Partei nicht schämt, ministrierende Senegalesen zum Feindbild zu erheben. Diese Grausamkeiten legen sich wie ein bedrückendes Korsett um die Seelen. Selbst wenn man sich eingesteht, dass dies nur die europäische Perspektive ist und es in anderen Teilen der Welt durchaus auch Hoffnungsvolles zu berichten gibt – es bleibt die Enttäuschung über die Machtlosigkeit der UNO oder die Ineffizienz der Europäischen Union im Vergleich zu den zynischen Kräften des Nationalismus, der Gewalt und des Kapitals. Das befördert nicht nur politische Lethargie. Es macht vor allem Nichtdemokraten anfälliger für die kleinen handfesten »Siegergeschichten«. Wenn es etwa einer islamistischen Terrorbande gelingt, »Staatsgebiete« zu errichten oder Neonazi-Netzwerke Landstriche und Stadtviertel dominieren, sind diese Kreise umso attraktiver für die Allmachts- und Gewaltfantasien der Frustrierten. Die Decke der Zivilisation ist dünner, als man glauben mag.

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