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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2019
Vision einer neuen Kirche
Von Maria 2.0 zur ersten Päpstin
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Glotz-Scham

vom 11.10.2019
Das Bücherlesen hat Konkurrenz bekommen: die guten TV-Serien. Sie bieten große Erzählungen wie Tolstoi und Dickens. Warum es das Buch gegen die Fernbedienung schwer hat
Glotzen, Zappen, Glotzen: Die Energie reicht oft nur bis zur Fernbedienung (Foto: istockphoto: mbbirdy)
Glotzen, Zappen, Glotzen: Die Energie reicht oft nur bis zur Fernbedienung (Foto: istockphoto: mbbirdy)

Ich habe immer noch meinen ersten Büchereiausweis von 1985. Der war mir heilig und die Stadtteilbibliothek Frankfurt-Schwanheim mein zweites Zuhause. Wie oft habe ich mich durch das Regal mit den Enid-Blyton-Bänden gefräst? Keine Ahnung. Mindestens die Hälfte meiner Kindheit habe ich lesend verbracht. Bis in meine frühen Dreißiger hinein stapelten sich Neuerscheinungen auf meinem Nachttisch, ich hatte immer eine gut begründete Meinung zur Short-List des Deutschen Buchpreises. Dann bekam ich Kinder.

Natürlich schleppte ich sie anfangs enthusiastisch an den Fachtagen zur Buchmesse. Aber es war nicht mehr dasselbe. Ich weiß gar nicht, ob ich es dieses Jahr dorthin schaffe oder ob ich zu müde bin. Zum Lesen bin ich ja auch zu müde. Klar liegt »Flammenwand« von Marlene Streeruwitz neben meinem Bett, eine heiße Buchpreis-Anwärterin. Leider habe ich noch nicht reingeschaut. Es wäre falsch, meine Müdigkeit nur auf die Kinder zu schieben: »Dark« ist schuld. Die zweite Staffel der wirklich ganz großartigen deutschen Netflix-Serie hat mich mit ihrem komplizierten Zeitreiseplot über mehrere Generationen um den Schlaf gebracht. Ich habe sie, wie es neudeutsch heißt, »durchgesuchtet«. So wie zuvor »Orange is the New Black«, »Call the Midwife«, »Modern Family« und »Haus des Geldes«.

Wann ich das letzte Mal einen Roman durchgesuchtet habe, weiß ich nicht mehr. Angefangen hat mein Flirt mit dem Dauerglotzen von »Breaking Bad«. Das Epos vom Aufstieg und Fall des krebskranken Chemielehrers und Drogenbarons Walter White startete in Deutschland vor zehn Jahren. Ich weiß noch, wie ich völlig verblüfft dachte: »So etwas Geniales gibt es im Fernsehen? Das ist doch Kunst.« Ich schämte mich e

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