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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2016
Ein letztes Fest?
Der Protestantismus feiert die Reformation
Der Inhalt:

Windstille der Seele

von Christine Weber-Herfort vom 23.09.2016
In der modernen Leistungsgesellschaft ist es verboten, nichts zu tun zu haben. Wieso eigentlich? Unsere Autorin hat es eine Woche lang mit der Langeweile aufgenommen

Es beginnt mit einem Anfall von Hyperaktivität. Fenster putzen. Türen streichen. Schrank aufräumen. Ich fühle mich getrieben, aber wovon? Schließlich lebe ich seit zwei Tagen in meinem Paradies, in unserem Ferienhaus in Schweden. Ein wunderbarer stiller Ort ohne Fernsehen, Computer, Smartphone. Nur ein altmodisches Handy verbindet mich gelegentlich mit dem Rest der Welt. Dann – beim Sortieren der Vorräte im Kriechkeller – überfällt mich plötzlich ein stechender Schmerz, der sich vom Rücken bis in den rechten Zeh bohrt. Seitdem liege ich da, abgefüllt mit entzündungshemmenden Medikamenten. Kein Mensch, der mich unterhalten, kein Buch, auf das ich mich konzentrieren könnte. Nebel im Kopf. Ebbe in der Seele. Selbstdiagnose: Langeweile.

Ein unbekanntes Gefühl mit einer langen Geschichte: »Die Götter langweilten sich, darum schufen sie die Menschen. Adam langweilte sich, darum ward Eva erschaffen«, meint Sören Kierkegaard (1813-1855), der dänische Philosoph, und erklärt die Langeweile ironisch zur »Wurzel allen Übels«.

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die Menschheit seit je von diesem bösen grauen Nebel heimgesucht wurde. Da gibt es den Mythos von Sisyphos: Die griechische Sagengestalt wurde von den Göttern verurteilt, unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, der dann immer wieder hinunterrollte – bis heute ein Synonym für elende, unnütze Arbeit. Der Begriff »Melancholie«, Schwarzgalligkeit, wird dem griechischen Arzt Hippokrates (um 460-370 vor Christus) zugeschrieben, der darunter einen Überschuss an schwarzer, verbrannter Galle, die sich ins Blut ergießt, verstand. 500 Jahre später schuf der römische Philosoph Seneca den Begriff »Taedium vitae«: Lebensekel, Lebensüberdruss.

Diese Stimmung beschreibt dann auch der Mönch und Asket Evagrius Ponticus im vierten Jahrhundert nach Christus. »Meine Seele ist öde, mein Glaube schwindet, mein Wille ist schwach wie ein Falke mit gebrochenem Rücken.«

Und so geht es immer weiter: In der Bruchlinie zwischen Mittelalter und Neuzeit zeigt Shakespeare in der Figur des Hamlet einen melancholischen, von Weltekel erfüllten jungen Prinzen: »Wie elend, schal und flach und unersprießlich scheint mir das ganze Treiben dieser Welt … Ich habe keine Lust am Manne – und am Weibe auch nicht.«

Der Philosoph, der das

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