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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2016
Ein letztes Fest?
Der Protestantismus feiert die Reformation
Der Inhalt:

Die volle Musik der Freiheit

von Jörg Zink vom 23.09.2016
Was Jörg Zink vom »Geheimnis des Sterbens« erwartet hat. Auszüge aus dem Schlusskapitel seines letzten Buchs

Ich habe mir früher einmal gewünscht, wenn ich eines Tages weiß, dass mein Tod unausweichlich ist, so möge mich doch jemand noch einmal hinauffahren in die heimatlichen Berge, auf die Schwäbische Alb, auf irgendeinen Felsen an ihrem Steilrand, von dem aus ich als Kind ins Land hinausgeträumt habe. Ich habe mir gewünscht, dass ich dort noch einmal für mein wunderbares Leben in dieser großen, schönen Welt danken kann, die ich so sehr geliebt habe, und dass ich dort noch einmal und endgültig ein Vorgefühl gewinne für die große Weite, in die ich hinübergehe. Das war mein Wunsch. Damals. Aber für die Weite der Welt Gottes ist die Aussicht von einem Felsen nicht zureichend. Und die Welt Gottes wird mir, so hoffe ich heute, auch im engen Sterbezimmer, so groß oder klein es sein mag, vor meiner Seele stehen.

Ich fände es schön, ich könnte jedem unserer Kinder und Enkel noch etwas sagen über seinen weiteren Weg, und ich könnte meiner Frau danken für die schönen und reichen fünfundsechzig oder mehr Jahre und ihr sagen, dass unsere Verbundenheit mit dem Tod nicht endet. Und ich könnte sie alle segnen mit dem uralten Segen: »Gott behüte dich. Er behüte deine Seele. Er behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.«

Denn ich sehe hinter dem Ende einen Anfang. Und der wird im Licht geschehen. Ich werde in eine Wirklichkeit eintreten, die so wirklich ist wie diese, und wahrscheinlich viel wirklicher. Mit allem, womit ich in diesem Leben meine Mühe hatte, in dem ich mein Versagen erlebte oder meine Mühe ertragen habe, wird es gut sein. Wenn der Ton, auf den die Musik meines Lebens gestimmt war, verklingt und sich die andere, die volle Musik der Freiheit erhebt.

Es gab in früheren Zeiten die schöne Sitte, dass bei einem Abschied der Ältere den Jüngeren gesegnet hat. Eltern etwa ihre Kinder, Sterbende in ihrer letzten Stunde ihre Familie. Davon spricht die Wendung, es habe einer das Zeitliche gesegnet. Wenn also jemand das Zeitliche, das heißt sein zurückliegendes Leben, segnet, dann blickt er noch einmal freundlich auf alles zurück, was geschehen ist, und das führt alle Kräfte, die vergehenden und vergangenen, den Zurückbleibenden zu. Er stärkt damit das Leben und die Liebeskräfte in der Welt.

Er hält nichts fest, er schiebt nichts weg. Alles darf gelten. Der Sterbende wünscht dem Guten, was war, es möge weiterleben, weiter gedeihen. Und er

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