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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2011
Ingenieure des Lebens
Wohin führt die Synthetische Biologie?
Der Inhalt:

Der Vorleser

von Bettina Röder vom 20.09.2011
Gegenentwurf zu Sarrazin: Pfarrer Felix Leibrock lud zum Lesemarathon aus Bibel und Koran vor die Synagoge in Berlin

»Jetzt bin ick dran«, sagt die blonde Frau und setzt sich vorn ans Lesepult. Unter dem grauen Zeltdach vor der jüdischen Synagoge liest sie an diesem Spätsommerabend im Berliner Dialekt laut die Bergpredigt vor. Sie nimmt Platz, wo gerade eine andere Frau im schwarzen Kopftuch mit slawischem Akzent inbrünstig Psalmen gelesen hatte. Dass ihre Worte teils vom Lärm der Großstadt verschluckt werden, das stört sie nicht. Straßenbahnen rumpeln, Polizeiautos mit Martinshörnern jagen vorbei. Touristen bleiben stehen. In den umliegenden Kneipen und Restaurants leuchten Kerzen, Dunkelheit senkt sich über die Stadt. Unter den Zuhörern auf den schwarzen Klappstühlen vor dem hohen Eisenzaun der Neuen Synagoge in Berlin-Mitte sitzt Felix Leibrock, Pfarrer im thüringischen Apolda. Er freut sich über die rege Beteiligung.

Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage vom 13. bis 16. September hat er hier in der Oranienburger Straße mit Unterstützung der jüdischen Gemeinde zum Lesemarathon eingeladen: Nicht nur aus der christlichen Bibel, sondern aus allen drei großen Büchern der Weltreligionen, auch aus der hebräischen Bibel und dem Koran, wird gelesen. Auf einer schwarzen Tafel stehen mit weißer Kreide die Namen von Prominenten – vom Bundestagspräsidenten bis zu Lea Rosh – die ihn, wie auch Passanten, dabei unterstützen. Von morgens 7 bis 22 Uhr geht der Marathon, unterbrochen gelegentlich vom Gespräch. Als eine Art Gegenentwurf zu Thilo Sarrazin, »der die verständliche Angst vor dem Fremden zugespitzt hat«, wie der Theologe und Kulturwissenschaftler sagt, versteht er seine Aktion. Als einen Beitrag zum interkulturellen Gespräch. Das klingt ein wenig groß angesichts der Tatsache, dass die Menschen hier vor allem aus den drei großen Büchern der Weltreligionen etwas erfahren. Doch ein erster Ansatz, die Angst vor dem Fremden abzubauen, ist das allemal. Prominente Namen tragen dazu bei. Als Ilja Richter, der jüdische Schauspieler, aus dem Koran liest, ist das Interesse besonders groß. Von Ferne hören sogar Polizisten und Prostituierte zu.

»Oft werde ich gefragt, ob das hier wirklich das richtige Umfeld ist«, sagt Felix Leibrock. Aus seinen blauen Augen blitzt der Schalk hervor. »Weil hier ja auch der Straßenstrich ist.« Doch was er dann sagt, das meint er sehr ernst. »Auch da sind wir hier am richtigen Ort. Ist nicht die Bibel voll von Zöllnern und Huren, die Jesus als Menschen bes

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