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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2017
Kein Land in Sicht
Im Mittelmeer steckt Europa in einem moralischen Zwiespalt
Der Inhalt:

Tierisch gut

vom 08.09.2017
Kolumne Von Fabian Vogt:

Die stark geschminkte Frau druckste ein wenig herum. Schließlich zog sie mich zur Seite und sagte leise: »Herr Pfarrer, ich habe da ein kleines Problem mit meinem Xoloitzcuintle.«

»O Gott«, dachte ich, »die Arme!« Bis mir klar wurde, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wovon sie überhaupt sprach. Jetzt war es an mir, herumzudrucksen. »Äh, mit Ihrem was?«

»Mit meinem Xoloitzcuintle.« Sie deutete mit einer unklaren Bewegung nach unten, auf den Boden vor sich, wo ein leberwurstfarbenes Etwas zwischen ihren Füßen hockte und mich böse anknurrte. Instinktiv trat ich einen Schritt zurück.

»O je, o jemine …, das arme Tier, was ist dem Kleinen denn Schreckliches zugestoßen? Der hat ja gar kein Fell mehr.« Sie schaute mich zornig an: »Das ist ein mexikanischer Nackthund.«

Erleichtert atmete ich auf: »Ach so, jetzt erinnere ich mich. Das ist diese Rasse, die bei den Azteken als Delikatesse galt. Ihr Geschmack soll ja angeblich an …«

Jetzt knurrten Hundchen und Frauchen gleichzeitig, als hätten sie sich abgesprochen – und ich zog es vor, meinen Satz nicht zu Ende zu führen.

»Wissen Sie, Herr Pfarrer, mein kleiner, reinrassiger Xoloitzcuintle hatte eine sehr schwere Jugend. Tierheim, Liebesentzug und vieles mehr. Und da dachte ich mir: Vielleicht könnten Sie ihn einfach mal segnen. Das täte ihm bestimmt gut.«

Es kommt selten vor, aber ich wusste tatsächlich nicht, was ich sagen sollte. Schließlich stotterte ich: »Mit Tiersegnungen ist das so eine Sache …« Wieder ein Knurren. Ich konnte nicht erkennen, ob von ihr oder dem Hund.

»Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich habe da mal recherchiert. Die ersten Geschöpfe, die in der Bibel gesegnet werden, sind die Tiere. Noch vor dem Menschen. Es scheint Gott also wichtig zu sein, dass Tiere gesegnet werden. Und Franziskus, also: nicht der Papst, sondern der Heilige aus Assisi, hat ja den Tieren sogar leidenschaftlich gepredigt.«

»Ja«, entfuhr es mir: »Der war aber auch Katholik. Und die katholische Kirche ist beim Segnen schon immer ziemlich verschwenderisch gewesen. Sie wissen ja: Feuerwehrautos, Häuser, Musikinstrumente, Eheringe, Fabrikhallen … Die segnen ja eigentlich alles, was nicht wegläuft. Wir Protestanten dagegen segnen immer nur Menschen.«

Erbost un

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