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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

Auslaufmodell Nationalstaat

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 09.09.2016
Staaten sind völlig falsch konstruiert, ihre Zeit geht zu Ende, sagt der Historiker Michael Wolffsohn. Doch was ist die Alternative? Ein Gespräch über Europa, den Nahen Osten und Selbstbestimmung für Minderheiten

Publik-Forum: Die Welt scheint im Chaos zu versinken: Terror, Gewalt und die größte Fluchtwelle seit 1945. Wird die Staatenwelt, wie wir sie kennen, zerbrechen?

Michael Wolffsohn: Das ist kein Zukunftsszenario, das beobachten wir ja bereits überall. Der Grund ist, dass Staaten völlig falsch konstruiert sind. Es wurde und wird davon ausgegangen, dass es eine Deckungsgleichheit gäbe zwischen staatlichen Grenzen und den Volksgruppen, die darin leben. Diese Deckungsgleichheit ist eine Fiktion, geleitet von dem Gedanken des Nationalstaates. Der war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Kaum ein Staat dieser Welt, auch kein europäischer, ist eine in sich geschlossene Nation. Schon das Deutsche Reich 1871 hatte rund zehn Prozent Staatsbürger polnischer Herkunft.

Funktioniert das Konzept der Nationalstaaten nur in homogenen Gesellschaften?

Wolffsohn: Ja, Japan und Island sind weltweit die Ausnahmen. Dort sind Nation und Staat wirklich identisch. In anderen Ländern sind die gesellschaftlichen Spaltungen aber dramatisch – besonders im Nahen Osten und in der arabischen Welt. Dort sind die Grenzen von Europäern gewissermaßen mit dem Lineal gezogen worden. Staaten, die im Rahmen der Entkolonialisierung entstanden sind, zerfallen – ob Syrien oder Afghanistan, Myanmar oder Libyen. Jede Gruppe möchte ihre Selbstbestimmung, das sind historische Urkräfte. Und wenn Minderheiten unterdrückt werden, bietet das enormen Sprengstoff, denn auf Dauer lassen sich Menschen nicht unterdrücken.

Was schlagen Sie vor?

Wolffsohn: Wir brauchen föderative Strukturen und echte Selbstbestimmung, entweder territorialer oder personaler Art.

Das klingt abstrakt. Was meinen Sie damit?

Wolffsohn: Nehmen wir zum Beispiel den Irak: In der internationalen Wahrnehmung ist das Land ein einheitlicher Akteur. Doch das widerspricht der Realität. Im Irak gibt es mindestens drei Hauptakteure: die Kurden im Norden, die Sunniten in der Mitte und die Schiiten im Süden. Sie sind sich allein in dem Punkt einig, dass sie nicht unter einem Dach leben wollen. Diese einander feindlich gesinnten Großgruppen kann man nur in einem Staat halten, wenn man diesen in eine Föderation umwandelt. Das bedeutet

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