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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich suchte nur Ruhe«

von Josefine Janert vom 09.09.2016
Michael Fischer (52) war Transportunternehmer. Jeden Tag bekam er bis zu 150 Anrufe. Jetzt genießt er die Stille in Schwedisch-Lappland

In Deutschland hörst du immer ein Nebengeräusch von irgendwoher: von einem Auto oder von der Industrie. Hier in Schwedisch-Lappland nicht. Hier herrscht himmlische Ruhe. Du kannst deinen Herzschlag wahrnehmen. Mein größtes Glück hier draußen ist die Natur. Rentiere, Elche, Bären und Luchse leben in den Wäldern, auch Auerhähne und andere seltene Vögel. Die Rentiere kommen bis an mein Haus. Sie sind an die Menschen gewöhnt und gar nicht scheu. Neulich erst habe ich ein Rentier beiseite geschoben, das vor der Scheune stand, weil ich sonst nicht hineingekommen wäre. Die Rentiere laufen auch auf den Straßen herum. Dort haben sie Ruhe vor den Mücken, die es im Wald zu Tausenden gibt. Die Autofahrer wissen Bescheid und fahren vorsichtig.

Ich lebe in einem Gehöft namens Myrkulla, fünfzig Kilometer südlich des Polarkreises. Mein nächster Nachbar wohnt sieben Kilometer entfernt. Bis zum nächsten Supermarkt in Arvidsjaur sind es gut fünfzig Kilometer. Diese Stadt hat 4600 Einwohner und einen Flughafen. Woher der Name Myrkulla stammt, weiß keiner genau. Vielleicht von »myra«, dem schwedischen Wort für Ameise. Die gibt es hier auch reichlich. Jedenfalls habe ich mich sofort in Myrkulla verliebt, als ich im März 2006 zum ersten Mal mit Freunden in Schweden Urlaub machte. Kurz zuvor hatte ich geschäftlich in Afrika zu tun. Ich setzte mich ins Flugzeug und überwand fast siebzig Grad Temperaturunterschied. In Nordschweden empfing mich ein strahlend blauer Himmel und Ruhe.

Ich stamme aus Südhessen. Bis 2002 war ich bei der Polizei, dann wollte ich in die freie Wirtschaft, auch um mehr Geld zu verdienen. Ich besaß ein Transportunternehmen, das auf Entsorgung spezialisiert ist. Zeitweise war ich auch Inhaber einer Kfz-Werkstatt. Irgendwann wurde mir das zu viel. Ich dachte: So kannst du nicht weitermachen. Ich habe spaßeshalber mal mitgezählt: Am Tag nahm ich zwischen 80 und 150 geschäftliche Telefonate entgegen. Neunzig Prozent davon waren überflüssig. In Deutschland gibt es nämlich, im Unterschied zu Schweden, diese künstliche Hektik. Wenn dir jemand eine Mail schickt, erwartet er sofort eine Antwort. Wenn du eine halbe Stunde nicht reagierst, schreibt er dir die nächste Mail und erkundigt sich, was los ist. Wenn dann nichts passiert, ruft er dich an. Ich mag das nicht, das geht mir auf die Nerven. Hektik verhindert Leben. Mein Leben in Myrkulla ist das Gegenteil davon.

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