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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2017
Vorwärts, Europa!
Wie die Politologin Ulrike Guérot die EU revolutionieren will
Der Inhalt:

Vorgespräch: Schöner scheitern

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 25.08.2017
Bei sogenannten FuckUp Nights erzählen Menschen vor Publikum über ihre Misserfolge. Ende September ist das in Mannheim zu erleben. Fragen an die Organisatorin Angela Kniesel

Publik-Forum: Frau Kniesel, »FuckUp Night«, das klingt ziemlich derb. Sie veranstalten eine solche – was ist das eigentlich?

Angela Kniesel: Das ist ein Format, bei dem Menschen, die im Beruf oder mit einem persönlichen Projekt gescheitert sind, öffentlich von ihren Misserfolgen berichten. Drei bis vier Unternehmensgründer sitzen auf der Bühne und erzählen, wie es bei ihnen den Bach runterging. Dafür haben sie sieben bis zehn Minuten Zeit, danach kann das Publikum Fragen stellen. So entwickelt sich eine fast persönliche Atmosphäre, wobei es um den Austausch geht und darum, voneinander zu lernen.

Fließen da auch mal Tränen?

Kniesel: Durchaus. Wenn das Scheitern erst kurze Zeit zurückliegt, ist es meist besonders emotional. Ich erinnere mich an einen Mann, der von dem Moment berichtete, als er sein kleines Kind auf dem Arm hatte und dabei zusah, wie sein Auto abgeschleppt wurde, weil sein Start-up insolvent war. Solche Geschichten zu teilen tut gut. Viele Redner berichten, dass es für sie fast eine Art Therapie sei. Sie fühlen sich vom Publikum getragen. Da ist das Gefühl: Ich werde angenommen, trotz meiner Niederlagen. Ich kann vieles weitergeben, was anderen vielleicht hilft.

Sprechen wir in Deutschland zu selten über Misserfolge?

Kniesel: Definitiv. Scheitern ist noch nicht gesellschaftsfähig. Es gilt die Maxime: Immer höher, weiter, größer. Da macht es Angst, übers Scheitern zu sprechen. Dabei ist das sehr gewinnbringend für alle Beteiligten. Bei uns erzählen auch Menschen ihre Geschichte, die das Gefühl haben, im Leben gescheitert zu sein. Weil sie plötzlich nach zwanzig Jahren im Beruf merken: Ich stecke im falschen Anzug. Eigentlich will ich etwas ganz anderes tun. Wir hatten mal jemanden, der ein ganz hohes Tier bei einer Bank war. Dann hat er gemerkt: Ich bin hier in einer komplett falschen Rolle. Das bin gar nicht ich. Heute ist er Osteopath. Da verdient er nur einen Bruchteil dessen, was er vorher verdiente, hat aber das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Sie sprechen viel über Männer. Haben Sie denn auch Frauen als Rednerinnen?

Kniesel: Ja, aber sehr viel weniger.

Scheitern Frauen seltener oder trauen sie sich nicht, darüber zu reden?

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